Meldungen Nr. 71 bis 80
vom 7.-19.7.2000
Zu den aktuellen Meldungen


CHAMP: Ein Satellit blickt »in die Erde«

Seine Existenz verdankt er einem Sonderförderprogramm für die Weltraumindustrie in den neuen Bundesländern von 1994 - und der Tatsache, daß nie Satelliten gegeben hatte, die sich das Schwere- und dem Magnetfeld der Erde mit höchster Präzision vermessen und auf zeitliche Variationen hin untersucht hatten.



Jetzt soll der ca. 35 Mio. DM teure CHAMP (CHAllenging Minisatellite Payload) die Lücke schließen: Pünktlich brachte am 15.7. um 14:00 MESZ eine Kosmos-Rakete den 522-kg-Satelliten vom russischen Plesetsk aus auf seine zunächst 460 km hohe und 87 Grad geneigte Umlaufbahn, die aber wegen der Luftreibung in den nächsten 5 Jahren auf etwa 300 km absinken wird. Genau das wollen die CHAMP-Forscher vom GeoForschungsZentrum Potsdam auch: Je mehr die Bahn schrumpft, desto genauer werden die Messungen. Um drei Themenbereiche geht es bei dem 8.4 m langen Satelliten:
  • Schwerefeldmessungen: Ein GPS-Empfänger erlaubt die akkurate Vermessung der Satellitenbahn, während ein 3-Achs-Beschleunigungsmesser die Kräfte bestimmt, die (in erster Linie durch die Luftreibung) von außen auf den Satelliten wirken. Das Ziel ist die hochpräzise Vermessung des Erdschwerefeldes und wie es sich durch Massenumlagerungen aller Art auf vielen Zeitskalen verändert.
  • Magnetfeldmessungen: Ein Fluxgate-Magnetometer mißt das Feld in 3 Achsen, während eine Sternenkamera die genaue räumliche Orientierung des Satelliten liefert. Ein zweites Magnetometer auch noch an Bord. Bei diesem Bereich der Mission geht es um die Messung des Magnetfeldes, das die Erde laufend erzeugt, aber auch der Komponente aus der Kruste sowie das zeitliche Variationsspektrum. Überdies wird das Feld natürlich noch durch solare Effekte beeinflußt, so daß auch CHAMP Beiträge zur Erkundung des Weltraumwetters liefern kann.
  • Atmosphären- und Ionosphärenforschung betreibt CHAMP als Bonus: Ein anderer GPS-Empfänger beobachtet, wie die Navigationssatelliten auf- und untergehen, woraus sich Temperatur und das Wasserdampfprofil der neutralen Atmosphäre berechnen lassen. Und mit GPS-Radiodurchleuchtung wird ebenfalls die Elektronendichte in der Ionosphäre gemessen, während ein Ionen-Drift-Messer die lokale Stärke des elektrischen Feldes liefert.
Die Datensätze, die sich die Potsdamer von CHAMP erhoffen, sind natürlich kein Selbstzweck: Es geht um ein tieferes Verständnis der Erde als System, von der Struktur und Dynamik der festen Erde und ihrer Wechselwirkungen mit Ozeanen und Atmosphäre bis zu Zusammenhängen zwischen Atmosphären- und Ionosphärenstruktur, Weltraumwetter und normalem Wetter. Und zwei Nachfolger sind auch schon fest eingeplant: Der erste, GRACE, wird gemeinsam mit der NASA entwickelt und soll 2001 starten - und zwar zwei Satelliten, die einander auf derselben Bahn folgen. [19.7.2000]

[80] Links: CHAMP-Homepages beim GFZ und dem DLR und eine PM des GFZ zum Start.



NEAR im Tiefflug: Bahnradius nur noch 35 km

Am 14. Juli hat der Asteroidenorbiter seine Bahn um Eros planmäßig in 35 km Abstand von dessen Zentrum zirkularisiert (vgl. Artikel Nr. 70) und wird diesen Orbit bis zum 24.7. beibehalten - er führt ihn bis auf 19 km an die Oberfläche des unförmigen Asteroiden heran. Die ersten Tiefflugtage konzentrierte sich die Mission daher auf die genaue Vermessung des Schwerefeldes von Eros, erst danach waren detaillierte Aufnahmen geplant.

Noch gewagtere Tiefflüge im Herbst haben NEARs Projektwissenschaftler am 26. Juni beschlossen: Bis auf 5 Kilometer soll sich NEAR Ende Oktober an Eros heranwagen. Danach würde sich der Orbiter erst einmal auf 200 km Höhe zurückziehen, um ab dem 10. Januar 2001 erneut herabzutauchen und so viele enge Vorbeiflüge über ausgewählten Gebieten zu absolvieren wie möglich: Dann geht es bis auf 500 Meter herab, und die besten Bilder sollten 10 cm Auflösung erreichen. Irgendwann während dieser Operationen dürfte der Treibstoff ausgehen und NEAR ungesteuert auf Eros abstürzen - auf ein kontrolliertes weiches Aufsetzen, wie es einmal im Gespräch war, wird verzichtet. [19.7.2000]

[79] Links: ein News Flash und Space.com über die weiteren Pläne.



Zvezda ist im Orbit

Am Schluß lief alles ganz pünktlich ab: Genau wie angekündigt (siehe
Artikel Nr. 73), hat eine Proton-Rakete das für den Weiterbau der Internationalen Raumstation unverzichtbare Servicemodul Zvezda (Stern) am Morgen des 12. Juli in eine niedrige Erdumlaufbahn gebracht. Bis zum Andocken am Morgen des 26. werden allerdings zwei volle Wochen vergehen: Die Zeit wird benötigt, um die Systeme Zvezdas auf Herz und Nieren zu prüfen. Denn es sind nur 2 oder maximal 3 Versuche möglich, um Zvezda an die seit 1998 im Orbit befindlichen Module Zarya und Unity anzukoppeln, dann wäre der Treibstoff alle (und Kosmonauten müßten sich aufmachen, das 300 Mio. $ teure Modul zu retten und von Hand anzudocken).



Die Hülle von Zvezda ist schon seit 1985 fertig: Eigentlich sollte einmal die Raumstation Mir-2 daraus werden, doch dafür reichte das Geld nie. Jetzt wird das - innerlich auf den neuesten Stand gebrachte - Modul eine zentrale Rolle bei der Internationalen Raumstation spielen: Es enthält die elektrischen und Sauerstofferzeugungssysteme, die Recyclinganlagen, Toiletten, Betten und die Küche für die nächsten Jahre, dazu viel Treibstoff und ein Antriebssystem. Ohne Zvezda kann die Raumstation zunächst weder permanent bewohnt werden, noch kann sie sich (gegen den atmosphährischen Widerstand) in der Umlaufbahn halten.

Später werden die Aufgaben Zvezdas teilweise von anderen Komponenten übernommen werden, aber zunächst stellt das Modul (dessen in Deutschland gebauter Computer moderner ist als die Rechentechnik der US-Module) das Herz der ISS dar. Deren Weiterbau kann nun zügig vorangehen: Im September und Oktober sollen wieder zwei Space Shuttle anlegen, im November per Soyuz die erste Besatzung eintreffen, und bis Ende 2001 sollte schon zu erkennen sein, wie die Raumstation einmal aussehen wird. [12.7.2000]

[78] Links: Zvezda Press Kit, der aktuelle Status und die Aktivitäten der nächsten zwei Wochen.



Komet LINEAR bleibt Feldstecherobjekt

Wenn der Komet C/1999 S4 (LINEAR) nicht noch einen Helligkeitsausbruch erleidet, dann gibt es praktisch keine Chance mehr, daß er Ende des Monats kurz für das bloße Auge sichtbar wird: Auch in der ersten Juli-Woche wurde er allgemein auf etwa 8. Größe geschätzt, und die Prognosen für die größte Helligkeit um den 23. des Monats liegen jetzt durchweg zwischen 5 und 6 mag. Und da der Komet nicht sternförmig, sondern diffus ist, wird er wohl ein Feldstecherobjekt bleiben. Erfreulich immerhin: LINEAR hat inzwischen einen kurzen Staub- und einen längeren Gasschweif, den Fotoexperten bereits festhalten können. [12.7.2000]

[77] Links: Gary Kronks und Bernhard Haeuslers Seiten, besonders gute Bilder aus Österreich, CometLINEAR.com, die LINEAR-Seiten der VdS und von Space.com und ein Artikel der NASA Science News.



Die Altersbestimmung von Pulsaren wankt

Sie galt als eine der wenigen wirklich sicheren Übungen in der Astrophysik: die Bestimmung des Alters eines Pulsars aus seiner aktuellen Rotationsgeschwindigkeit und der Rate, mit der sie langsam abnimmt, weil der rotierende Neutronenstern seine Rotationsenergie allmählich abstrahlt. Bislang gab es wenig Grund, an dem so berechneten »charakteristischen Alter« zu zweifeln, das mit der Zeit verträglich war, die seit der Supernova verstrichen ist, bei der der rasch rotierende Neutronenstern zurückblieb. Doch jetzt ist ein Fall entdeckt worden, wo das charakteristische Alter im Widerspruch zu anderen Beobachtungen steht!



Ort des Geschehens ist »The Duck«, ein besonders seltsamer Supernovarest, in dem 1985 ein Pulsar entdeckt wurde - oder besser gesagt: an dessen Rand, im »Kopf« der fliegenden Ente. Dank des Very Large Array (siehe Artikel Nr. 34) wissen wir jetzt auch, wie schnell sich der Pulsar in der Himmelsebene bewegt: höchstens 600 km/s schnell. Um aber bei seinem aus der Rotationsabnahme berechneten Alter von 17 000 Jahren so weit aus dem Explosionszentrum herausgelaufen zu sein, müßte der Pulsar etwa 1600 km/s schnell gewesen sein! Er ist also mindestens 40 000, wenn nicht 170 000 Jahre alt - und die Theoretiker ratlos. [12.7.2000]

[76] Link: NRAO Press Release.



Ein Röntgenflare auf einem Braunen Zwerg

hat die Astronomen des Röntgensatelliten Chandra regelrecht schockiert: Zwar kannte man schwache Röntgenemissionen dieser Fast-Sterne schon länger, doch soetwas wie der plötzliche Ausbruch von LP 944-20, der einem kleineren Flare auf der Sonne entsprach, war noch nie gesehen worden. Die Ursache des Flares könnte in turbulenter, heißer Materie unterhalb der Oberfläche des Braunen Zwergs liegen. Der nur 16 Lichtjahre entfernte LP 944-20 hat etwa 60 Jupitermassen - und wenn er nicht einen Flare erleidet, dann strahlt er überhaupt keine Röntgenstrahlung aus: Das zeigt, daß Braune Zwerge mit weniger als 2500 Grad Celsius Temperatur keine Koronen mehr besitzen. [12.7.2000]

[75] Links:
MSFC, UCSB und Berkeley Press Releases.



Methyl-Radikal im interstellaren Raum

Der - schon lange abgeschaltete - europäische Infrarot-Satellit ISO hat schon wieder ein neues Molekül in einer Molekülwolke entdeckt: Diesmal ist es das Methyl-Radikal CH3, das derselbe Satellit bereits früher in den Atmosphähren der Planeten Saturn und Neptun gefunden hatte. Radikale sind besonders reaktionsfreudig, und dem CH3 wird eine wichtige Rolle bei der Synthese von komplexen Kohlenwasserstoffen zugeschrieben. ISO entdeckte in der Nähe des Galaktischen Zentrums indes gleich so viel des Radikals, daß die chemischen Modelle überarbeitet werden müssen. [12.7.2000]

[74] Links:
ESA Science News, das zugrundeliegende Paper und ein Kommentar von SpaceRef.



Drei wichtige Starts in Rußland und Kasachstan

stehen in der kommenden Woche auf dem Programm:
  • Am 12. Juli um 6:56 MESZ soll eine Proton von Baikonur aus endlich das ISS-Modul Zvezda in den Orbit bringen; seine Ankopplung an die Internationale Raumstation ist für den 25. Juli vorgesehen. Und am 30. Oktober soll, nach zwei weiteren Shuttle-Besuchen, die erste permanente Besatzung einziehen.
  • Am 15. Juli um 14:00 MESZ soll eine Cosmos den deutschen Forschungssatelliten CHAMP von Plesetsk aus in den Orbit bringen: Er hat die Aufgabe, des Erdschwerefeld zu vermessen, das Erdmagnetfeld zu untersuchen und die Atmosphäre und Ionosphäre zu sondieren.
  • Ebenfalls am 15. Juli um 14:40 MESZ schließlich soll eine Soyus wiederum von Baikonur aus die ersten beiden neuen Cluster-Satelliten starten, die die Fregat-Oberstufe auf ihren exotischen Orbits positionieren soll. [7.7.2000]

[73] Links zu Zvezda: das
Mission Status Center von Spaceflight Now und eine Pressemitteilung.
Zu CHAMP: die Homepage, eine Pressemitteilung und ein SPIEGEL-Artikel.
Zu Cluster: Homepages bei ESA und MPAe und eine Pressemitteilung des MPAe.



First Light für INGRID

Am 4-Meter-William Herschel Telescope auf La Palma hat jetzt eine neue Infrarotkamera ihren Betrieb aufgenommen: INGRID, die Isaac Newton Group Red Imaging Device für Wellenlängen von 0.9 bis 2.4 Mikrometer bei großem Gesichtsfeld. Später wird die Kamera mit der Adaptiven Optik NAOMI verbunden werden, was noch erheblich schärfere Bilder verspricht. [7.7.2000]

[72] Link: ING Media Release.



Mars-»Gullies« bleiben rätselhaft

Auch zwei Wochen nach der überraschenden Veröffentlichung der Bilder des Mars Global Surveyor, die Spuren von fließendem Wasser in der geologischen Gegenwart des Planeten zeigen könnten (siehe
Artikel Nr. 62) bleibt die Natur dieser »Gullies« unter Planetenforschern umstritten. Während es gegen das geringe Alter der Strukturen nur wenig einzuwenden gibt (es kann zwischen »gestern« und einigen Jahrmillionen liegen), sind bereits mehrere Szenarien präsentiert worden, in denen etwas anderes als einfaches Wasser dahintersteckt - zu unglaublich scheint vielen, daß es nur wenige hundert Meter unter der Oberfläche des heutigen Mars flüssiges Wasser geben könne.

In einem Alternativszenario ist es stattdessen Kohlendioxid, das bei einem Phasenübergang von fest in gasförmig Geröll in Bewegung gesetzt haben könnte. Zu sehen sind schließlich nur die Fächer aus Gesteinsbrocken, die das fluide Medium die Abhänge heruntergetragen hat. In einem anderen Szenario wird von stark salzhaltigem Wasser ausgegangen, das auch unter marsianischen Verhältnissen noch eben flüssig bleiben könnte. Und es wird auch ein Zusammenhang mit periodischen Schwankungen der Rotationsachse des Mars hergestellt, die noch vor wenigen Jahrmillionen zu einer deutlich stärkeren Erwärmung der heute so kalten Regionen geführt haben könnte, wo die seltsamen Spuren gefunden wurden. [7.7.2000]

[71] Links: SpaceScience über die mögliche Rolle von Salzen, Space Daily über eine Soda-Springbrunnen-Hypothese, die Rolle der Achsenneigung und das CO2-Szenario, und Space.com mit einer allgemeinem Mahnung zur Vorsicht.


Zu den 10 vorangegangenen Meldungen
oder zum Archiv.