Meldungen Nr. 451 bis 460
vom 31.3.-15.4.2002
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Eine archäoastronomische Sensation aus Sachsen-Anhalt?

Es könnte die älteste bekannte Darstellung des gestirnten Himmels sein, 3600 Jahre alt und aus der Bronzezeit, oder eine clevere Kunstfälschung - so oder so wird die 'Sangerhausener Sternenscheibe' noch bis zum 28. April im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, Sachsen-Anhalt, sozusagen »erdfrisch« ausgestellt, bevor sich die Wissenschaft eingehend mit dem ungewöhnlichen Artefakt beschäftigen kann. In diesem Bundesland, nahe des Dorfes Sangerhausen, sollen die Scheibe und einige weitere Gegenstände auch bei illegalen Ausgrabungen im Jahre 1997 oder 1998 entdeckt worden sein.

Der genaue Fundort entzieht sich leider der Kenntnis, denn die Objekte wechselten seither zweimal den Besitzer: Die Raubgräber verscherbelten die Scheibe für DM 31 000, die Käufer ihrerseits für DM 320 000 - und die Drittbesitzer wollten sie diesen Februar für schlappe DM 750 000 verhökern. Doch der Deal in Schweiz kam nicht zustande: In Basel griff die Polizei am 23. Februar zu, und die Scheibe kehrte endlich in den Besitz des Landes Sachsen-Anhalt zurück, dem sie von Rechts wegen zusteht. Noch ist sie nur oberflächlich untersucht worden, doch konkrete Zweifel an der Echtheit gibt es bisher nicht - und Archäoastronomen sind von der Fülle der Details fasziniert.

Zum Beispiel der Bochumer Astronomieprofessor Wolfhard Schlosser, dem Zeichnungen der Scheibe schon vor deren Sicherstellung zugespielt worden waren: Nicht nur sind auf der 40-cm-Bronzescheibe mit Goldeinlagen die Sonne (oder der Vollmond), eine Mondsichel und ein Schiff (oder ist es die Milchstraße) verewigt, sondern auch mindestens 29 Sterne - von denen sieben einen dichten Haufen bilden. Das könnten die Plejaden sein, die Präsepe oder das Sternbild Delphin. Gut ein Jahr lang soll die Scheibe jetzt eingehend untersucht werden, dann werden ihre Echtheit und ihre wahre Bedeutung für die Geschichte der Astronomie hoffentlich klarer sein. [15.4.2002]

[460] Quelle: ein Interview mit Schlosser. Links: die Homepage der Scheibe, eine Pressemitteilung des Innenministeriums und ein Artikel aus der Rhein. Post.

Eine ungewöhnliche Planetenkonstellation wird es von Ende April bis Anfang Mai am Abendhimmel geben - so werden die Venus, Saturn und Mars am 5.5. ein enges gleichseitiges Dreieck bilden: eine Art Homepage des Ereignisses vom CfA.


Ein -15m-Meteor verwirrte Deutschland

Wenig über das Universum aber viel über das verbreitete Unverständnis über die normalen Dinge, die sich am Himmel abspielen können, konnte man in der Folge einer Feuerkugel -15. Größe lernen, die am Abend des 6. April um 22:20 MESZ über Süddeutschland zu sehen war. Amateurastronomen identifizierten das wenige Sekunden dauernde Himmelsschauspiel sofort als ungewohnt hellen aber doch ansonsten normalen Meteor - aber für viele andere war es mal ein UFO, mal ein Stück des Kometen Ikeya-Zhang (zu dieser Zeit 75 Mio. km von der Erde entfernt!), Satellitenschrott oder ein Polarlicht. Und ein voreilig zu einem Meteoriten erklärter »Stein« war nichts als ein Teerklumpen. Wir lernen,

Auf der Positivseite gibt es immerhin zu vermelden, daß der Bolid von mehreren All-Sky-Kameras des europäischen Feuerkugelnetzes aufgenommen wurde (ein Ausschnitt aus dem Bild der Station Streitheim schaffte es sogar über das DLR in mehrere Zeitungen): Die Bahn in der Atmosphäre (und davor) wird sich exakt berechnen und ein mögliches Streufeld echter Meteoriten eng begrenzen lassen. Wenn Restmasse den Boden erreicht haben sollte, dann am ehesten im Raum Garmisch. [15.4.2002]

[459] Links: Berichte des AKM (früher) und vom CENAP (früher) - diverse Zeitungsberichte sind im Cosmic Mirror # 236 (Artikel 3) gelinkt.

Ikeya-Zhang jetzt ein Star am Morgenhimmel - der Komet hat immer noch vierte Größe und einen erstaunlich hellen Staub- sowie einen langen Gasschweif: Galerien von SpaceWeather, AstroStudio und FG Kometen.

Die Oberfläche von Komet Borrelly ist heiß und völlig trocken - Deep Space One hat keinerlei Anzeichen von freiliegendem Wassereis gefunden: JPL Press Release.


TerraSAR-X: ein deutscher Radarsatellit in »PPP«

oder Public-Private Partnership - will sagen, daß die Industrie (konkret: Astrium) erstmals einen gewissen Anteil der Kosten eines Satellitenprojects des DLR aus eigener Kasse trägt. Etwa 130 Mio. Euro wird der Satellit inklusive Start kosten (deutlich mehr als ursprünglich veranschlagt, was den DLR-Haushalt gehörig durcheinandergebracht haben soll), und Astrium steuert 28 Mio. Euro davon bei. Am 25. März wurde der Vertrag unterzeichnet. Auch in die Vermarktung der Datenprodukte des Satelliten hat Astrium bereits eigenes Geld gesteckt, doch er bleibt ein DLR-Projekt, und die Weltraumbehörde muß letztlich auch entscheiden, welcher Kundenkreis denn tatsächlich mit Daten bedient werden darf.

Denn nicht nur Landwirte und Kartographen werden sich wohl für die Radarbilder mit einem Meter Bodenauflösung interessieren, die TerraSAR-X ab 2005 liefern soll: Diese Schärfe liegt in einem Bereich, in dem v.a. die US-Regierung in der Vergangenheit den Betreibern kommerzieller optischer Satelliten das Leben schwer gemacht hat. Ein geheimnisvoller »Ethik-Code« soll dafür sorgen, daß die Daten nicht in falsche Hände gelangen - ansonsten sind Kunden jeder Art erwünscht, die über die Astrium-Tochter Infoterra bedient werden. Bauern z.B. können veredelte Daten zu 3 Euro pro Hektar erwerben, potentielle Großkunden wie die US-Kartographiebehörde NIMA werden eingeladen, gleich eigene Datenzentren einzurichten und lediglich eine Nutzungsgebühr zu entrichten. [15.4.2002]

[458] Quelle: eine Pressekonferenz von DLR und Astrium am 10.4. in Bonn. Link: die TerraSAR-X-Seite von InfoTerra.

Die ersten Bilder des Satelliten ENVISAT (siehe Artikel 425) von den Instrumenten ASAR und MERIS wurden am 28.3. präsentiert: ESA Press Release.


Der seltsame Fall des Asteroiden 1950DA

Er ist der Asteroid mit der - bei weitem - höchsten bekannten Wahrscheinschlichkeit für eine Kollision mit der Erde, 1 zu 300, doch ein eventueller Impakt würde erst 2880 passieren. Und es gäbe eine ziemlich einfache Methode, die Kalamität abzuwenden, falls die Impaktwahrscheinlichkeit durch weitere Verfeinerung der Bahn (möglich nach den nächsten Erdannäherungen 2032 und 2074) deutlich steigen sollte. Erst präzisen Bahnvermessungen in den letzten Jahren durch Teleskope und insbesondere Radar verdanken wir überhaupt die ungewöhnliche Prognose für das 29. Jahrhundert. Da vorher jeder Impakt ausgeschlossen ist, ist der Fall 1950 DA zunächst nur von akademischem Interesse.

Eigentlich könnte man die Bahn auch heute schon noch genauer angeben, doch der Yarkovski-Effekt verhindert dies: Die Oberfläche des 1-km-Asteroiden erwärmt sich im Sonnenlicht und strahlt die Wärme wegen seiner Rotation in etwas anderer Richtung wieder ab, was einen winzigen Impuls ergibt. Der läßt sich aber nur berechnen, wenn man die physikalischen Eigenschaften der Asteroidenoberfläche viel besser kennt (was wohl eine Raumsonde dorthin erfordern würde). Umgekehrt könnte man aber - falls 1950 DA tatsächlich auf Erdkurs sein sollte - den Yarkovski-Effekt und damit die Asteroidenbahn aktiv verändern, in dem man die Beschaffenheit der Oberfläche mit einer Spezialsonde aktiv verändert. [15.4.2002]

[457] Quelle: Giorgini & al., Science 296 [April 5] 132-6. Links: JPL und UA Press Releases, eine Sonderseite des JPL und Artikel von SPIEGEL und Rhein. Post.

Die Crash-Wahrscheinlichkeit von 2002 CU11 (siehe Artikel 451) war bis zum 9. April auf 1:77000 gesunken - in den nächsten 100 Jahren ist er aber immer noch der gefährlichste: Sentry entry.

Im Hauptgürtel gibt es mehr Asteroiden als man bisher dachte, hat die Auswertung von IR-Beobachtungen des Satelliten ISO ergeben: ESA News.


Das interstellare Medium - eine Brutstätte für Aminosäuren?

Aufsehen erregende Versuche in europäischen und amerikanischen Labors machen es immer wahrscheinlicher, dass sich wesentliche Grundbausteine des Lebens bereits im interstellaren Raum bilden - und mit Kometen bequem zur jungen Erde reisen - konnten: 16 bzw. 3 verschiedene Aminosäuren sind prompt entstanden, als einfache Gase erst auf einem »kalten Finger« ausfroren und dann mit UV-Licht bestrahlt wurden.

Die Versuche sollten die physikalischen Bedingungen in einer Molekülwolke simulieren: Die Europäer z.B. liessen Wasser, Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, Ammoniak und Methanol auf dem 12 Kelvin kalten Finger ausfrieren, der ein Staubteilchen darstellen sollte (wie es später auch in einem Kometenkern konserviert werden kann). Anschliessend wurden die dünnen Eisschichten mehrere Stunden lang mit UV-Licht bestrahlt, wie es auch heisse Sterne aussenden: Die einfachen Moleküle brachen auf, und neue, viel komplexere Verbindungen entstanden, darunter auch die 16 Aminosäuren, von denen 6 vom irdischen Leben benutzt werden.

Experimente dieser Art finden schon seit rund 30 Jahren statt und stützen mehr und mehr die Vermutung, dass wesentliche präbiotische chemische Reaktionen bereits auf interstellaren Staubteilchen abgelaufen sind, die mit Kometenkernen zur Erde gelangen konnten (siehe auch die Artikel 244 und 204). Das europäische Experiment zeigt, so einer der beteiligten Forscher, »dass wichtige Grundbausteine des Lebens an vielen Stellen in unserer Galaxis, vielleicht sogar im ganzen Universum vorhanden sein sollten.« Und einer der Amerikaner bringt es auf den Punkt: »Überall wo Sonnensysteme entstehen, fallen Aminosäuren buchstäblich vom Himmel.« [31.3.2002]

[456] Links: Pressemitteilungen von der Univ. Bremen, der MPG, dem Ames Research Center und dem SETI Institute und Artikel von SPIEGEL, NetZeitung und Rhein. Post.



Wie wird Hubble enden? Zwei mögliche Schicksale

stehen dem Weltraumteleskop, das nach dem jüngsten Astronautenbesuch leistungsfähiger denn je ist (siehe
Artikel 440) und doch schon 12 Jahre alt, nach dem Jahr 2004 bevor, wenn es zum letzten Mal neue Instrumente und eventuelle Ersatzteile erhalten haben wird. Die NASA plant gegenwärtig, das HST im Jahr 2010 bei einer allerletzten Mission wieder einzusammeln und ins (Washingtoner National Air and Space) Museum zu stellen - aber eine Reihe einflussreicher Hubble-Forscher kämpfen für eine weitere Servicing Mission im Jahr 2007: Bei diesem Flug, den die NASA bisher strikt ablehnt, könnte Hubble einerseits mit einem speziellen Motor für einen kontrollierten Wiedereintritt versehen werden und andererseits technisch nochmals auf Vordermann gebracht werden.

Anschliessend könnte man das Weltraumteleskop so lange betreiben, wie es noch nützliche Daten liefert, auch weit über 2010 hinaus, um es am Schluss gefahrlos zu versenken. Im letzten Jahrzehnt hat das HST eine so zentrale Rolle in der Astronomie gespielt, dass sich viele eine Welt ohne Hubble kaum mehr vorstellen können. Eine längere Mission würde auch lange Parallelbeobachtungen mit dem vielleicht 2009 startenden Nachfolger NGST erlauben. Und die NASA würde sich auch einen riskanten letzten - und praktisch sinnlosen - Flug zum HST sparen: Es würde nämlich bis zu fünf EVAs erfordern, um den Riesensatelliten einzupacken, und dann wäre der Shuttle fast zu schwer. Einziger Nachteil des Alternativplans: Am Ende ginge das Museum leer aus ... [31.3.2002]

[455] Quelle: Nature vom 14.3. S. 112. Link: Fla. Today zur schwierigen Planung des NGST.



Jede Menge Transits dunkler Himmelskörper

vor den Scheiben ferner Sterne scheinen im Rahmen des Projekts OGLE (Optical Gravitational Lensing Experiment) entdeckt worden zu sein, doch ob es sich um Planeten, Braune Zwerge oder massearme Begleitsterne handelt, konnte noch in keinem der Fälle geklärt werden. 5 Milllionen Sterne in dichten Milchstrassenregionen wurden Mitte 2001 in 32 Nächten mit einem 1.3-m-Teleskop samt Riesen-CCD-Kamera in Chile überwacht, und die 52 000 Sterne mit der besten Photometrie sind automatisch auf charakteristische Lichtkurven durch finstere Objekte im Transit untersucht worden. Insgesamt 46-mal wurden die überwiegend polnischen OGLE-Astronomen fündig, und in 42 Fällen davon gab es sogar mehrfach Transits.

Was bisher freilich noch fehlt (aber vorbereitet wird), sind spektroskopische Untersuchungen der entsprechenden Sterne: Nur wenn man auch einen Radialgeschwindigkeitseffekt, ein leichtes Vor und Zurück, mit derselben Periode findet, kann man die Masse des verfinsternden Objekts berechnen und sagen, ob es ein Planet (mit weniger als 13 Jupitermassen), ein Brauner Zwerg (mit weniger als ca. 75) oder ein lichtschwacher Stern ist. Aus den Lichtkurven lassen sich immerhin schon die Durchmesser der Finsterlinge ableiten: In zwei Fällen liegen sie im Bereich 1 bis 1½ Jupiters, ganz wie beim nach wie vor einzigen Exoplaneten, der 1999 mit der Radial- und der Transittechnik gleichzeitig beobachtet wurde. [31.3.2002]

[454] Link: ein Paper von
Udalski et al., die Homepage von OGLE und Artikel von Sky & Tel. und NetZeitung. Siehe auch Artikel 434 zu einem weiteren Programm zur Transitsuche mit demnächst 3 kleinen Teleskopen auf den Kanaren und in den USA.



Der Big Bang übersteht einen weiteren fundamentalen Test

Kaum jemand zweifelt heute noch am Modell des heissen Urknalls, der alle grundlegenden Beobachtungen der Kosmologie geschlossen zu erklären vermag. Dazu gehört auch die kosmische Hintergrundstrahlung (CMB), ein ausgesprochen homogenes Glühen, das gewissermassen den »Rand« des (beobachtbaren) Universums markiert: Schon lange ist bekannt, dass sich unsere Galaxis gegenüber dieser Strahlung mit 370 km/s durch den Raum bewegt, verursacht durch die Summe des Schwerkraftzugs anderer naher Galaxien. Der CMB erscheint dadurch »in Flugrichtung« etwas wärmer und in Gegenrichtung kälter; man spricht von einem Dipol. Jetzt ist genau dieselbe Bewegung auch auf andere Weise nachgewiesen worden - und die kosmologische Interpretation des CMB wurde so ein weiteres Mal bestätigt.

Die hohe Raumgeschwindigkeit der Milchstrasse sollte nämlich dazu führen, dass man in Flugrichtung etwa 1% mehr ferne Galaxien pro Quadratgrad sieht als in Gegenrichtung: Die Strahlung von Galaxien vor uns wird durch den Dopplereffekt etwas verstärkt, und extrem schwache Exemplare werden überhaupt erst sichtbar. Ausserdem sorgt die Aberration des Lichts dafür, dass die Sichtlinien zu den Galaxien etwas nach vorne wandern. Lange wurde vergeblich nach einem Überschuss von Galaxien »vor« uns gesucht - aber jetzt konnte dieser so genannte »Geschwindigkeitsdipol« tatsächlich gefunden werden! Grundlage war eine Himmelsdurchmusterung mit dem Very Large Array, bei der zahlreiche ferne Galaxien mit aktiven Kernen, typischerweise mit einer Rotverschiebung von 1, aufgespürt wurden, rund 50 pro Quadratgrad.

Der lokale Superhaufen, der das Bild völlig verfälschen würde, konnte so umgangen werden, und der Dipol-Effekt trat endlich deutlich hervor: Der Bewegungsvektor der Milchstrasse, der aus ihm folgt, stimmt gut mit dem aus dem CMB-Dipol überein. Keine andere Erklärung als eine Bewegung der Milchstrasse gegenüber einem kosmischen Referenzsystem scheint denkbar. Und mit Radiogalaxien der Rotverschiebung 1 ist dieser absolute kosmische Rahmen auch klar abgesteckt. Auch einen anderen fundamentalen Test hatte der CMB bereits bestanden: Er wird im Laufe der Jahrmilliarden immer kühler (siehe
Artikel 181). Der neue Test verlief - erwartungsgemäss - genau so erfolgreich, aber wenn es um die grundlegende Theorie der Welt geht, ist jede mögliche Überprüfung willkommen. [31.3.2002]

[453] Quelle: Blake & Wall, Nature 416 [14.3.2002] 150-2.



Der Wiederaufbau des zerstörten Neutrinoteleskops

Super-Kamiokande in Japan hat bereits begonnen, obwohl die finanziellen Mittel knapp sind: Die Trümmer der 6779 geplatzten Photomultiplier werden aus dem Wassertank geschafft, und die Detektoren, die den Unfall am 12.11.2001 (siehe
Artikel 368) überlebt hatten, werden jetzt vorsichtig neu arrangiert, um wenigstens einen Teil der Experimente bald wieder aufnehmen zu können. Aus Sorge, dass weitere Explosionen Arbeiter verletzten könnten, haben die Physiker, darunter einige der führenden des Landes, diese Aufgabe kurzerhand selbst übernommen.

Wie es zu der fatalen Kettenreaktion gekommen war, ist inzwischen klar: Ein einzelner Multiplier war offenbar kaum merklich angeknackst worden, als Arbeiter bei Wartungsarbeiten darauf gestiegen waren - trotz dicker Polster aus Styropor. Als dann wieder Wasser in den Tank gelassen wurde, hielt er dem Druck nicht mehr stand und implodierte: Die Druckwelle zerstörte seine Nachbarn usw. Nach 10 Sekunden anschwellender gurgelnder und knallender Geräusche (selbst 8 km entfernte Seismometer registrierten ein Signal) war alles vorbei, und die ersten Physiker, die den Tank inspizierten, konnten es kaum fassen. Später wurde die Kettenreaktion auch in gezielten Experimenten nachvollzogen, für die weitere Detektoren geopfert wurden.

Der gegenwärtige Wiederaufbau wird es Super-K in erster Linie ermöglichen, die aktiven Experimente zur Neutrinooszillation mit einem künstlich erzeugten Strahl besonders energiereicher Neutrinos (»K2K«) im Herbst wieder aufzunehmen. Doch weder für systematische Beobachtungen von Sonnenneutrinos noch den klaren Nachweis von Neutrinos einer Supernova noch Beobachtungen des Protonenzerfalls ist die Anlage mit verringerter Multiplier-Zahl geeignet. Die Forscher hoffen jetzt auf umgerechnet 15 bis 25 Mio. Dollar von der Regierung, um Super-K wieder auf alte Stärke zu bringen: Neue Detektoren müssten gekauft und mit speziellen transparenten Hauben geschützt werden. Frühestens im Sommer wird mit einer Entscheidung gerechnet. [31.3.2002]

[452] Quellen: Science vom 11.1. S.247 + 8.3. S. 1815 + Nature vom 14.3. S. 118-9. Link: die Homepage von Super-K.



2002 CU11: Der gegenwärtig gefährlichste Asteroid

auf automatisch generierten Tabellen italienischer und amerikanischer Informationssysteme für potentielle Einschläge auf der Erde hat bisher erstaunlich wenig öffentliches Aufsehen erregt. Am 7. Februar war der rund 700 Meter grosse 2002 CU11 entdeckt worden, und jetzt führt er die Liste der »potential future Earth impact events« mit weitem Vorsprung an: Etwa 1:9000 beträgt gegenwärtig die Wahrscheinlichkeit, dass er in 47 Jahren mit der Erde kollidieren wird. Das ist immerhin etwa halb so wahrscheinlich, als dass irgendein unbekannter Asteroid dieser Grösse bis dahin einschlagen wird und erfordert mithin gemäss international gebräuchlicher Gefahrenskalen eine »sorgfältige Überwachung« (was schon ab einem hundertstel der »Hintergrund«-Rate angesagt ist).

Grund zur akuten Aufregung besteht natürlich nicht: Alle Asteroiden, die zunächst relativ hohe Impaktwahrscheinlichkeiten hatten, sind durch genauere Bahnverfolgung irgendwann wieder abrupt in die Kategorie »unbedenklich« gewandert (siehe
Artikel 149 für einen besonders medienwirksamen Fall). Allerdings wird 2002 CU11 schon fast zwei Monate lang intensiv verfolgt, und für den 31. August 2049 gilt noch immer eine Impaktwahrscheinlichkeit von rund 1:9000. Diese Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen und kann auch um einen Faktor 10 oder mehr falsch sein. Gelegentlich auf die NASA-Liste zu schauen, kann jedenfalls nicht schaden ... [31.3.2002]

[451] Links: die automatischen Risiko-Tabellen von NASA und NeoDys und Artikel über 2002 CU11 aus dem Tumbling Stone.


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