Die MegaLithos News
Nr. C31-C40 vom 5.9.-30.10.2006
Aktuelle Meldungen / zum Archiv

ASTRONET | Kugelhaufen voll durchforstet | Genesis-Erfolge | Dunkle Materie "gesehen" | SMART-1: perfekter Crash! | Mysteriöser Blitz | Ring-SoFi in Südamerika | Titans Ethan | SN-lose GRBs | Kein Mond-Eis

Von 6 auf 4 auf 5: erstaunlicher Ausbruch des Kometen SWAN

Eigentlich sollte er jetzt nur noch 8. bis 9. Größe haben, aber der erst im Sommer entdeckte Komet 2006 M4 (SWAN) hatte andere Pläne: Bereits Ende September bis Mitte Oktober lag er mit gut 6. Größe deutlich über den Prognosen - und am 24. Oktober ging es sprunghaft nach oben, und SWAN hatte zeitweise eine 4 vor dem Komma. Seither ist er wieder etwas verblasst; hier eine Aufnahme von Peter Stättmayer vom Abend des 25. mit einer Flatfieldkamera bei 400 mm Brennweite. [30.10.2006]

Neue Radardaten: doch keine großen Eismengen auf dem Mond

Entscheidend ist das zirkulare Polarisationsverhältnis (CPR): Bei Radarechos von Wassereis ist es größer als 1, bei den meisten geologischen Flächen dagegen kleiner als 1. Frühere Radarmessungen der Mondoberfläche mit geringer Ortsauflösung hatten hohe CPRs geliefert und die Hoffnung auf große Eisvorkommen auf den Böden ewig im Schatten liegender polarer Krater genährt - doch neue Arecibo-Messungen (s.a. Artikel 783) mit z.T. 20 Metern Auflösung bei 13 cm Wellenlänge zeigen nun, daß Zonen mit hoher CPR auch dort zu finden sind, wo häufig die Sonne scheint. Vermutlich stecken spezielle Reflexionseigenschaften des Mondbodens dahinter, die mit Eis gar nichts zu tun haben. Von letzterem läßt sich höchstens 1- bis 2-Prozent-Anteil im Mondboden verstecken (was dann auch die geringen Mengen austretenden Wasserstoffs erklären würde), die der Lunar Prospector maß: "Any planning for future exploitation of hydrogen at the Moon's south pole should be constrained by this low average abundance rather than by the expectation of localized deposits at higher concentrations." [25.10.2006]

[C40] Quelle: Campbell & al., Nature 443 [19.10.20006] 835-7. Links: Cornell Release, Planetary Soc., BBC.


Zwei Fälle naher Gamma Ray Bursts ohne irgendeine assoziierte Supernova

stellen den gerade erst etablierten Zusammenhang der beiden Arten kosmischer Explosionen wieder in Frage: Gemäß dem populären Kollapsar-Modell sollte jeder lange GRB von einer Kernkollaps-Supernova des Typs Ic begleitet werden, die sich nach einer Weile aus der Lichtkurve des Nachglühens des eigentlichen GRB herausschält. In mehreren Fällen war genau dies auch beobachtet worden - aber bei den langen GRBs 060505 (Rotverschiebung z = 0.09) und 060614 (z = 0.13) nicht! Hier gab es keinerlei Spuren einer Supernova, bis zu Limits von hundersteln von deren typischer Helligkeit, andererseits aber auch keine Anzeichen für nennenswerten Staub, der sie versteckt haben könnte. Beide GRBs ereigneten sich in Galaxien mit (relativ zu ihrer Leuchtkraft) starker Sternbildung, und das Fehlen jedweder Supernova »ist eine berraschung«. Die beiden GRBs könnten spezielle Vorgänger gehabt haben, und da von den sechs bisher bekannten langen GRBs mit z<0.2 nunmehr zwei supernovalos sind, ist dieses Phänomen vielleicht gar nicht so selten. [25.10.2006]

[C39] Link: ein Paper von Fynbo & al.

M 31 erlitt einen Frontalzusammenstoß mit M 32, vor 210 Mio. Jahren - Ringstrukturen im Inneren der Andromeda-Galaxie, die auf einem Spitzer-Bild klar hervortreten, sind so am besten zu erklären: ein CfA Release.

Der Entstehung der Zentralgalaxie eines Haufens zugeschaut hat das HST bei MRC 1138-262, wo längliche Minigalaxien wie in einem Spinnennetz um die sich bildende cD-Galaxie hängen: ein STScI Release.

Kugelsternhaufen sortieren ihre Sterne nach der Masse, wobei die schwereren nach innen wandern: Das zeigen Hubble-Beobachtungen an 47 Tuc.


Titans Ethan mit Smog-Teilchen zu Boden gesunken?

Eigentlich müßte der Saturnmond Titan einen 1 km tiefen Ozean aus flüssigem Ethan besitzen, dem unvermeidlichen Abbauprodukt des atmosphärischen Methans, dem in der oberen Atmosphäre die UV-Strahlung der Sonne zusetzt - aber davon kann, wie Cassinis Beobachtungen zeigen, keine Rede sein. Das Ethan hat sich mit Smog-Partikeln zu einer Substanz namens Smust verbunden, besagt nun ein neues Modell (das sich an Messungen der vertikalen Ethan-Verteilung in der Jupiteratmosphäre anlehnt): Die Teilchen sinken zu Boden und sollten im Laufe der Äonen eine rund 3 km dicke Schicht produziert haben. Die von Cassini entdeckten Dünenfelder auf der Titanoberfläche (siehe Artikel C11) bestehen vermutlich aus diesem Material. Leider lassen sich die Prozesse, die zu seiner Bildung führen, bisher im Labor nicht nachbilden, so daß das Modell etwas spekulativ bleibt. [25.10.2006]

[C38] Quelle: Hunten, Nature 443 [12.10.2006] 669-70. Link: ein Artikel von Space.com.


Perfekte Bedingungen bei Ring-SoFi in Französisch-Guyana!

Es war der beste Morgen seit vielen Tagen, und das kosmische Spektakel wird keiner der Augenzeugen - einer Handvoll internationaler Finsternisjäger und etlicher Einheimischer - so schnell vergessen: Die ringförmige Sonnenfinsternis vom 22. September 2006 war, in knapp 8° Höhe und nur ½ Stunde nach Sonnenaufgang, entlang der Küste Französisch-Guyanas und der Nachbarstaaten unter traumhaften Bedingungen zu verfolgen. Bereits gleißend hell war die teilverfinsterte Sonne gegen 6:20 Uhr Ortszeit aus dem Atlantik aufgestiegen, erst das südliche, dann das nördliche »Horn«, um zu einer schmalen und immer länger werdenden Sichel zu schrumpfen, die sich zu einem mittelbreiten Ring schloß, noch ein wenig durch die Refraktion abgeplattet, aber durch die kristallklare Atmosphäre perfekt zu bewundern: die besten Bedingungen bei einer tief stehenden Ring-SoFi in 15 Jahren. [25.9.2006]

[C37] Eigene Beobachtung auf Les Roches in Kourou. Links: eine Galerie und Berichte von SEMs und Fischer.

Neuer Sonnensatellit Solar-B gestartet - nur Stunden nach der Finsternis: JAXA Release, Spacefl. Now, BBC, New Sci., Space Today.


Mysteriöser 5m-Blitz am Himmel - oder nur ein bizarres Artefakt?

Etwas reichlich Seltsames hat sich am 20. April zugetragen: Zwei automatische Kameras des Projekts Night Sky Live in Chile und auf La Palma, registrierten mit ihren Fischaugenobjektiven zur selben Zeit und an derselben Stelle des Himmels etwa 10 Minuten lang einen rund 5m hellen Lichtpunkt, der alle Anzeichen für ein transientes stellares Objekt aufweist - aber eine dritte Kamera sah dort zur gleichen Zeit nichts. Die Positivbeobachter haben keine überzeugende Erklärung für das Mysterium, tendieren aber zu einer nichtastronomischen Ursache und sehen in dem Vorfall eine Warnung, daß auch überzeugende Detektionen automatischer Himmelskameras nicht real zu sein brauchen. Und ein anderer Autor folgert daraus, Himmelsüberwachungssystemen müßten größere robotische Teleskope an die Seite gestellt werden, die in Echtzeit Detailbeobachtungen durchführen können: Mit der heute - auch in Amateurkreisen - verfügbaren Technik sei das mit relativ geringem Aufwand machbar. [25.9.2006]

[C36] Links: Papers von Shamir & Nemiroff und Pacynski sowie die Homepage von Night Sky Live, wo alle Bilder der 11 Kameras so schnell wie möglich frei zugänglich sind.

Sternbegleiter mit nur 12 Jupitermassen trotzdem kein Planet? Der Partner von CHXR 73 kann mit seinen mindestens 210 AU Abstand nicht aus einer Scheibe um den Stern entstanden sein, sondern muß sich unabhängig gebildet haben: Für Luhman & al. ist er damit als »Brauner Zwerg« anzusprechen, auch wenn dieser Begriff eigentlich für substellare Körper mit mindestens 14 Jupitermassen reserviert ist, die immerhin Deuterium-Fusion schaffen - ein neuer Streit um den Planetenbegriff ...

Ein Exoplanet im Transit mit ungewöhnlich geringer Dichte ist HAT-P-1b, der nur die 0.53-fache Masse aber den 1.36-fachen Durchmesser Jupiters hat - vielleicht sind spezielle Umstände wie ein (noch unentdeckter) Begleiter verantwortlich, oder ein grundlegendes Phänomen: ein Paper von Bakos & al.

Und noch ein neuer Transitplanet, diesmal im Kepler-Feld, also jenem Himmelsausschnitt, den dieser Photometriesatellit permanent beobachten soll - rund 600 superpräzise Beobachtungen des Transits von TrES-2 sollten dabei beobachtet und eine Fülle von Aussagen über die Natur des 1.3-Jupitermassen-Planeten möglich werden: ein Paper von O'Donovan & al.


SMART schlägt auf den Mond: feuriges Ende für eine erfolgreiche Mission

Erst verstummte das Funksignal für die ESA-Antenne in Australien, dann kam das Bild aus Hawaii: Auf ein paar Sekunden und Kilometer genau war der erste europäische Mondorbiter SMART-1 (siehe Artikel 750) am 3. September um 7:42 MESZ auf die Mondoberfläche eingeschlagen, zweifelsfrei dokumentiert durch einen überbelichteten Infrarotblitz, den das Canada-France-Hawaii Telescope einfing, und eine wegspritzende Ejektawolke, die allerdings erst spätere Bildverarbeitung sichtbar machte. Die Mission war schon lange in der Verlängerung gewesen, aller Treibstoff des Ionenantriebs und fast alles Hydrazin für die Düsen der Lageregelung verbraucht, und im irregulären Schwerefeld des Mondes kann sich kein antriebsloser Orbiter im Tiefflug lange halten. Es wäre prinzipiell möglich gewesen, SMART-1 mit allerletzter Kraft wieder aus dem Mondorbit herauszumanövrieren und z.B. noch an einem Asteroiden vorbei fliegen zu lassen, doch ein kontrollierter Absturz als letztes großes Experiment war reizvoller erschienen.

Und so hatte man den Zeitpunkt des Impakts vom 17. August auf den 3. September und den Ort von der Mondrück- auf die -vorderseite verlegt, was eine Anhebung der Bahn um 90 km erforderte. Das gelang nur durch einen innovativen Einsatz der Lageregelungsdüsen im Zusammenspiel mit den Schwungrädern an Bord über 65 Orbits hinweg; noch am 1. September wurde die Bahn um weitere 592 m geliftet, um einem Impakt um 7:42 zu garantieren und einen nach neuester topografischer Analyse befürchteten Crash einen Orbit früher zu verhindern. Denn auf den späteren Zeitpunkt hatten sich Teleskope v.a. auf Hawaii vorbereitet: SMART-1 spielte gewissermaßen künstlicher Komet (mit viel Aluminium aber 3 kg Rest-Hydrazin als flüchtiger Zugabe), und sein Impakt mit 2 km/s in einem Winkel von nur etwa 1° zur Mondoberfläche simulierte eine - wenn auch exotische - kosmische Kollision. Auch im Hinblick auf das NASA-Experiment LCROSS Anfang 2009 (siehe Artikel C12) war es ein interessanter Test. Im Sonntagmorgengrauen versammelten sich zahlreiche SMART-Fans im Hauptkontrollraum des European Space Operations Center (der normalerweise während laufender Mission hermetisch abgeriegelt ist, aber nun konnte man nicht mehr viel kaputtmachen :-), um die letzten Minuten der Mission live zu erleben. Lediglich die Betreuer der kleinen Sonde hatten schon die ganze Nacht durchgemacht.

Diese hatte zuletzt noch einmal für Spannung gesorgt, mit einem unverhofften Safe Mode des Orbiters am 1. September (der in nur 6 Stunden behoben wurde) und einer Störung der australischen Hauptantenne, die gerade noch rechtzeitig wieder in Betrieb war; ein Notfallplan hatte bereits kurz vor dem Umsetzung gestanden. Über Australien wurden auch die letzten Kommandos an SMART-1 gesendet, der noch bis Minuten vor dem Crash wissenschaftliche Daten lieferte, und per Telekonferenz war im ESOC auch das CFHT zugeschaltet. Die Nachricht vom Signalverlust (»Loss of Signal«) wurde beklascht - und Minuten später tauchte unvermittelt das arg von Artefakten verunstaltete Bild des infraroten Blitzes aus Hawaii auf den Projektionsbildschirmen auf. Was er konkret über die physikalisch-chemischen Prozesse des Impakts aussagte oder auch nur wie hell er eigentlich war, konnte auch auf einer Pressekonferenz am folgenden Morgen nicht berichtet werden, und weitere vergleichbare Sequenzen lagen da noch nicht vor. Aber man konnte bereits dank zweier australischer Radioteleskope den Impaktzeitpunkt extrem genau bestimmen (7:42:22.394 MESZ) und wird aus den Messungen von insgesamt 5 Antennen, die z.T. interferometrisch zusammengeschaltet waren, noch eine Menge lernen und bei künftigen Sondenmissionen der ESA auch gezielt einsetzen können.

Das war ohnehin die Hauptaufgabe von SMART-1 gewesen (und die ganze Mondforschung eigentlich nur eine Zugabe): Technologien zu erkunden, die man später mit Zuversicht für andere Missionen verwenden kann. Da ging es etwa um Kommunikation (Ka-Band, Laser), Autonomie und Miniaturisierung, im Vordergrund aber stand natürlich der Ionenantrieb: Während der 14-monatigen Reise zum Mond bereitete er zwar manches Kopfzerbrechen, gilt nun aber als gut verstanden und einsatzbereit. Damit steht dem aufwändigen Merkurorbiter BepiColombo 2013 nichts mehr im Wege: Hätte es SMART-1 nicht gegeben, so dessen Projektmanager G. Racca gegenüber MegaLithos, hätte man die Merkurmission wohl entweder gar nicht gewagt oder nur mit viel geringeren Möglichkeiten mit einem chemischen Antrieb. Die ersten Ideen für SMART-1 waren vor rund 10 Jahre entstanden, als die ESA zeitweise darüber spekulierte, die Kometensonde Rosetta mit einem Ionenantrieb viel schneller ans Ziel bringen zu können - und sich dann nicht traute, weil es keinerlei Erfahrungen mit Ionenmotoren als alleinigem Antrieb für eine Tiefraumsonde gab. Erst als bereits an SMART-1 gearbeitet wurde, entdeckte die ESA, daß man in den USA etwas ganz Ähnliches vorbereitete, die Technologiemission Deep Space 1 mit einem Ionenantrieb zu einem Asteroiden und einem Kometen.

SMART-1 war allerdings insofern »besser«, als er sich ganz allein per Ionenantrieb aus dem Schwerefeld der Erde befreite (DS1 hatte eine Rakete auf Fluchtgeschwindigkeit gebracht; erst dann übernahm das Ionentriebwerk). Und auch die instrumentelle Nutzlast war deutlich umfangreicher als bei DS1: Immerhin war SMART-1 direkt aus dem Wissenschaftsprogramm heraus entstanden, und da sollte der Forschung schon etwas geboten werden. Eine Fülle von hochauflösenden Mondbildern (über 20'000!) und spektralen Karten war das Ergebnis (wobei gerade die letzten Monate noch einmal einen Schwall neuartiger Daten lieferten), dazu Röntgenspektren, die Rückschlüsse auf die detaillierte Mineralogie des Mondes und damit seine Entstehung zulassen. Noch ist der Datenfundus kaum ausgewertet (man hatte genug mit der Durchführung der Mission selbst zu tun), aber SMART-1 hat sich längst als Pionier der neuen Welle von Mondsonden ab 2007 etabliert. Bei der ist die ESA mit eigenen Sonden nicht dabei, wohl aber Instrumenten auf dem indischen Orbiter (und vagen Ideen für spätere Mondrover). SMART-2 heißt inzwischen LISA Pathfinder (siehe Artikel C17), weil er als integraler Bestandteil des LISA-Projekts gesehen wird. Und SMART-3 gibt es erst einmal nicht: Dabei sollte der Formationsflug von Teleskopen als optisches Interferometer für das Darwin-Projekt vorbereitet werden - und das mußte die ESA leider einstellen. [5.9.2006]

[C35] Vor Ort in Darmstadt am 3.+4.9.2006: DF. Links: die Homepage von SMART-1, ESA Press Releases vom 4. und Nachmittag, Vormittag und Morgen des 3. und vom 2. September und Artikel von Spacefl. Now, Times, Scotsman, Plan. Soc., BBC, Dt. Welle und DPA.


Die beste »Sichtung« von Dunkler Materie in einem Galaxienhaufen

ist Röntgenastronomen bei 1E0657-56 gelungen, wo zwei Haufen miteinander kollidiert sind: Das normale Gas hat dies gespürt, Schockstrukturen sind entstanden, und es sitzt nun gegenüber den Haufen klar im Raum versetzt - aber die Dunkle Materie konzentriert sich weiter auf die Haufen selbst, denn die geheimnisvollen Teilchen kollidieren nicht miteinander oder anderer Materie und spüren nur die Schwerkraft. Während sich das heiße Gas bei einer Rotverschiebung von 0.30 direkt durch seine Röntgenemission verrät und vom Satelliten Chandra im Detail abgebildet wurde, macht sich die Dunkle Materie durch ihre Gravitationslinsenwirkung auf Galaxien weit hinter den Haufen bemerkbar: Diese wurde nun erstmals gleichzeitig auf zwei Wegen kartiert, was die Zuverlässigkeit der Analyse verbessert. Zum einen wurde die »schwache Linsenwirkung« ausgenutzt, die das Bild von Hintergrundgalaxien nur leicht deformiert, zum anderen der augenscheinliche starke Linseneffekt, der sie in lange Bögen auseinanderzieht. Ob man die Dunkle Materie dank dieses Unterfangen nun »gesehen« hat, wie es in der Berichterstattung heißt, ist wohl eine philosophische Frage (kann die IAU ja mal drüber abstimmen lassen :-). Aber daß es sich um ein reales physikalisches Phänomen handelt, das nicht durch ad-hoc-Modifikationen des Gravitationsgesetzes wegdiskutiert werden kann, scheint nun klarer denn je. [5.9.2006]

[C34] Links: ein Paper von Bradac & al., Chandra, NASA und U. of AZ Releases und Artikel von Sc. Now, Space Today und BdW. Eine weitere Einschätzung: Science vom 25.8.2006 S. 1033.

Das Weltall ist flacher denn je, jedenfalls zeigt eine neue gemeinsame Analyse von Daten des WMAP-Satelliten und der großskaligen Struktur des Kosmos aus der SDSS, daß Omega-total = 1.00±0.01 ist - aus WMAP allein war lediglich Omega-total = 1.05 ±0.05 gefolgt: ein Paper von Tegmark & al.

Das kosmische Lithium-Problem ist gelöst - das im Urknall entstandene leichte Element verschwindet tatsächlich im Inneren von Sternen, und die Zahlen stimmen wieder, zeigen Untersuchungen an einem metallarmen Kugelsternhaufen: ein ESO Press Release und Artikel von New Sci. und BdW.

Der Quasar mit der größten Leuchtkraft, die je gemessen wurde, war 3C 454.3, der während eines ein Jahr langen enormen Ausbruchs im Frühjahr 2005 eine absolute Spitzenhelligkeit von -31.4M erreichte: IAU Press Release.


Eindeutig Teilchen des Sonnenwinds in den Trümmern von Genesis

haben die Forscher isolieren können, die sich mit den Resten der vor zwei Jahren abgestürzten Kapsel (siehe Artikel 946) beschäftigen: Sie stecken ganz knapp unter den Oberflächen der Teilchenfänger, während die beim Crash entstandene Verschmutzung nur die Oberflächen selbst betrifft. Nur 10 Nanometer trennen typischerweise die wertvolle Fracht, die Aufschluß über die wahre Chemie der Sonne geben soll, von der Kontamination, aber andererseits stehen den Genesis-Forschern alle erdenklichen modernen Labortechniken zur Verfügung, der Vorteil einer Sample Return Mission. Es dauert halt nur viel länger mit der Analyse als ursprünglich geplant. 15'000 Fragmente der Sammler mit mindestens 3 mm Größe waren geborgen worden (nur einige wenige messen immerhin Zentimeter) und gingen an 16 Laboratorien, erste Erkenntnisse beginnen sich abzuzeichnen. Gemeinsamkeiten wie Unterschiede mit den Sonnenwindsammlern, die bei den Apollo-Landungen auf dem Mond aufgestellt wurden, werden erkennbar, wobei die Genesis-Sammler mit insgesamt 27 Monaten natürlich eine viel reichere Ausbeute versprechen - man darf gespannt sein. [5.9.2006]

[C33] Quelle: Vortrag von Burnett auf der IAU GA in Prag am 21.8.2006.


Alle Sterne eines Kugelsternhaufens erwischt

hat das Hubble Space Telescope bei einer extrem lange belichteten Aufnahme (126 Orbits = 4.7 Tage!) von NGC 6397: Dabei wurden sowohl die schwächsten = masseärmsten Sterne aufgespürt wie auch die düstersten Weißen Zwerge, die eine besondere Chemie aufweisen. Die nun zum ersten Mal sehr direkt bestimmte Massengrenze für gewöhnliche Sterne liegt in dem Haufen bei 0.083 Sonnen- oder 87 Jupitermassen: Das entspricht erfreulicherweise genau den theoretischen Modellen. Denn wenn ein Objekt noch weniger Masse mitbekommt, dann vegetiert es als Brauner Zwerg dahin; entsprechende Objekte, die vielleicht einmal in NGC 6397 entstanden, sind schon lange erkaltet und unsichtbar geworden. Die Massenuntergrenze von Sternen direkt zu sichten, war 1984 als eine Aufgabe für das HST beschrieben worden: Nun ist dieses Ziel erreicht. Die Sichtung und Farbbestimmung der schwächsten Weißen Zwerge war ebenfalls interessant (und sogar der Hauptzweck der Hubble-Beobachtungen gewesen), denn Modelle sagten voraus, daß sich bei besonders kühlen Exemplaren molekularer Wasserstoffbilden und sie mit abnehmender Helligkeit nicht mehr immer rötlicher sondern wieder blauer werden sollten - und genau dieses »blue hook feature« läßt sich in den Hubbledaten ebenfalls nachweisen. [5.9.2006]

[C32] Quelle: Richer & al., Science 313 [18.8.2006] 936-40. Links: HST, NASA, UBC, Rice, UCLA und AAS Releases und Artikel von Dsc., Space Today und BdW.

Mehrere Doppelsterne mit spiralförmigem Materieausfluß im Quintuplet-Haufen sind dank einer Speckle-Technik endlich räumlich aufgelöst worden - die bisher rätselhaften Sterne entpuppen sich als Wolf-Rayet-Systeme mit kollidierenden Winden: ein Paper von Tuthill & al., Rice, U Mich. und NSF Press Releases und Artikel von Astr., Cosmos und New Sci.

Acht neue interstellare Moleküle mit 6 bis 11 Atomen sind mit dem Green Bank Telescope entdeckt worden, womit nunmehr 141 verschiedene Moleküle im Weltraum bekannt sind: ein NRAO Press Release und Artikel von CSM und Charleston Daily Mail.

Neue Spitzer-Mosaike des Orionnebels und der LMC sehen gut aus und enthalten eine Menge Informationen über das Wesen der Sternentstehung: Spitzer Press Releases zu M 42 und LMC sowie ein CfA Release zu M 42 und ein U. Wisc. und JPL Releases zur LMC.


ASTRONET soll Zusammenrottung von Europas Astronomen fördern

Dutzende Milliarden Euro wollen Europas Astronomen in den nächsten paar Jahrzehnten in den Bau neuer großer Teleskopanlagen und ihren Betrieb (der im Laufe der Zeit noch einmal so viel kostet) investieren, und die großen Organisationen, die öffentliche Mittel in die Forschung stecken, sind auch dazu bereit - aber nur, wenn sich die Astronomen auf gemeinsame Prioritäten einigen! Zu diesem Zweck haben sie - ob es den Forschern gefällt oder nicht - die Initiative ASTRONET gegründet, in deren Rahmen zunächst eine noch eher vage »Vision« und dann eine ziemlich konkrete »Roadmap« mit einem 25-Jahres-Horizont erarbeitet werden sollen. Die »Soziologie« von Europas Astro-Szene werde sich wohl anpassen müssen, reiche wie weniger betuchte Länder sollen gleichermaßen einbezogen werden, aber natürlich werden am Ende Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich am meisten zu bezahlen haben, rund 60% der Gesamtkosten. [5.9.2006]

[C31] Quelle: Pressekonferenz von G. Gilmore u.a. auf der IAU GA in Prag am 17.8.2006. Link: die Homepage von ASTRONET.


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