Meldungen Nr. 751-760
vom 5.-15.10.2003
Aktuelle Meldungen / Archiv


Chinas erster Raumflug - und bald eine eigene Raumstation?

So also sieht es aus, wenn China seinen ersten eigenen Raumfahrer in den Orbit bringt: Live gibt es gar keine Bilder, dann Aufnahmen eines Kondensstreifens, nachdem die Rakete schon lange vom Himmel verschwunden ist. Ein paar Minuten später bekommt man dann in der Ferne brennende Triebwerke sehen, wieder Minuten später schemenhafte Bilder der Rakete Langer Marsch 2F beim Aufstieg. Und erst eine halbe Stunde nach dem Start am 15. Oktober um 3:00 MEZ zeigt das Staatsfernsehen auch die erste Aufnahme des Abhebens selbst und wieder eine halbe Stunde später die ersten Bilder des Passagiers Yang Liwei in Shenzhou 5 während des Starts.

Bis zuletzt hatten die chinesische Führung und insbesondere das in der Raumfahrt federführende Militär mit aller Macht versucht, gleichzeitig die traditionelle Geheimhaltung zu wahren und den propagandistischen Effekt des ersten bemannten Raumflugs auszukosten: Die kuriose Freigabe des Bildmaterials häppchenweise und »im Rückwärtsgang« - zu verfolgen weltweit auch in einer unterhaltsamen Sondersendung von CNN International - war das befremdliche Ergebnis. Bis zum Moment des Starts war offiziell nicht einmal das Datum bekannt: Nur der Zeitraum 15. bis 17. 10. war schließlich genannt worden. Doch praktisch alle Detailinformationen, die in den Tagen zuvor durchgesickert waren, stellten sich nun als korrekt heraus.

So flog tatsächlich der 38-jährige Pilot Yang Liwei, den am Tag zuvor bereits die (Beijing-treue) Hongkonger Zeitung Wen Wei Po als führenden Kandidaten gemeldet hatte. Der Start war in der Tat für Punkt 9 Uhr Ortszeit angesetzt worden, wie es wiederum einen Tag früher in derselben Zeitung hieß. Und daß es am 15. Oktober losgehen sollte, also am Tag nach einer wichtigen Versammlung der Kommunistischen Partei, war - vorbehaltlich ungünstigen Wetters in der Landezone - bereits eine Woche vorher zu erfahren gewesen: Ein Mitarbeiter des Staatsfernsehens, das damals noch von einer Liveübertragung ausging, hatte es verraten. Die akkuraten Spekulationen in den chinesischen Medien werfen ein interessantes Schlaglicht auf die Aushöhlung der Zensur durch moderne Kommunikationswege, v.a. Diskussionsforen im Internet.

Bis zum Start von Shenzhou 5 hatte die chinesische Öffentlichkeit durchweg weniger Anteil am bemannten Raumfahrtprogramm genommen als Beobachter in den Nachbarstaaten oder im Westen - und in großem Stil berichtet die einheimische Presse auch erst seit dem Wochenende davor. Viele Motive für das teure Programm sind der Regierung schon unterstellt worden: den Ruhm der Partei zu mehren und ihre Notwendigkeit zu unterstreichen, während das Land längst in die Marktwirtschaft marschiert. Oder das Ausland zu beeindrucken, die anderen asiatischen Weltraummächte Japan und Indien ebenso wie Rußland und die USA, zu denen man in einem als wesentlich empfundenen Technologiesektor aufgeschlossen hat. Oder aber die Zuverlässigkeit der chinesischen Trägerraketen zu demonstrieren, auf daß es mehr kommerzielle Kunden geben möge.

Die weiteren Pläne über den weitgehend symbolischen Flug von Shenzhou 5 hinaus, der nach der realistischen Simulation eines bemannten Fluges (von sogar zwei Passagieren) bei Shenzhou 4 (siehe Artikel 597) letztlich ein relativ kleiner Schritt war, liegen weiterhin im Dunkeln. Es gibt aber klare Indizien, daß China als nächstes eine kleine eigene Raumstation im Stil der sowjetischen Salut-Stationen der 1970er und 80er Jahre anstrebt: Schon jetzt hat jedes Shenzhou das Orbitalsegment für diverse Experimente noch monatelang in der Umlaufbahn gelassen (angeblich inklusive militärischer Erdbeobachtungs- und Abhöranlagen), und auf dieser Basis ließe sich eine Raumstation aufbauen. Vielleicht wird schon Shenzhou 6 an das Orbitalsegment von Shenzhou 5 andocken: Solche Manöver waren auch im sowjetischen Programm der 60er Jahre, dem Shenzhou in weiten Teilen nachempfunden ist, der nächste Schritt.

Die Rolle, die die chinesischen Raumfahrtplaner dem bemannten Programm in der ferneren Zukunft zugedacht haben, bleibt dagegen nebulös - blumige Visionen von großen Mondbasen ersetzen keinen soliden Plan. Überdies scheinen jetzt auch große Anstrengungen in der (unbemannten) Weltraumforschung ebenso anstehen wie die Entwicklung einer neuen Familie von Trägerraketen für große Lasten (25 Tonnen in den LEO, 14 in den GTO). Von Weltraumteleskopen der Hubble-Klasse ist die Rede, und eine ganze Serie von Missionen zum Mond ist schon in Planung, bis hin zu Rovern. Und die wichtigste Nutzlast der neuen Wunderrakete ab 2008 soll eine gigantische Beobachtungsplattform - unbekannter Aufgabe - im niedrigen Orbit sein. Ob sie auch Besuch bekommen soll, ist nicht klar.

Wirklich sicher ist heute überhaupt nur eines: In China werden die eigenen Raumfahrer ausschließlich Yuhangyuan genannt, was Raumnavigator bedeutet. Das halb chinesische und halb griechische Wort »Taikonaut« (etwa: Weltraum-Seefahrer) wird nur im Ausland verwendet, wo man es wohl leichter aussprechen kann. Yang Liwei ist übrigens schon der dritte in China geborene Raumfahrer (aber der erste mit chinesischem Paß und natürlich der erste auf einer chinesischen Rakete): Sowohl die US-Astronautin Shannon Lucid (mit fünf Shuttleflügen und einem langen Mir- Aufenthalt) wie der 1975 zum US-Staatsbürger gewordene Taylor Gun-Jin Wang (ein Shuttleflug) erblickten in Shanghai das Licht der Welt bzw. des Weltraums. [15.10.2003]

[760] Links: Artikel zum Start von Xinhua, Spaceflight Now, New Scientist, BBC, Wash. Post, Space.com, Space Today, Welt und NetZeitung, außerdem ausgewählte Vorberichte von Space.com mit neuen Satellitenbildern vom Startgelände, zur Rolle Rußlands beim Programm und mit der Meinung von Buzz Aldrin, der Shenzhous als ISS-Rettungsboote empfiehlt, sowie von BBC, Spaceflight Now und aus der ZEIT. Zusätzliche Quelle: AW&ST vom 6.10. S. 46 zu den neuen Raketen.


War die Himmelsscheibe von Nebra ... der Boden einer Schamanentrommel?

Die astronomischen Motive auf der bronzezeitlichen »Himmelsscheibe von Nebra« sind seit ihrer Sicherstellung Anfang 2002 Gegenstand tiefschürfender archäoastronomischer Deutungsversuche (siehe
Artikel 535) - doch jetzt gibt es eine völlig andere Interpretation, die überdies die mysteriöse Lochung des Scheibenrandes erklären würde: Der Psychiatrieprofessor Ulrich Suppian sieht in den Symbolen starke Parallelen zur Bemalung der Spannböden von Trommeln 'moderner' Schamanen. Die Sterne und anderen Himmelskörper, die alle zu deren Standardbildinventar gehören, hätten dann eine rein magisch-animistische Funktion (wobei die »Sonnenbarke« andersherum als Regenbogen zu deuten wäre) - und in den Löchern der Scheibe wären die Spannschnüre für das Trommelfell befestigt gewesen.

Die physische Untersuchung der Scheibe dauert derweil immer noch an: Man hat z.B. mit kernphysikalischen Methoden nachweisen können, daß sich die chemische Zusammensetzung der »Sonne« und der Sterne etwas unterscheidet, das Material der »Sonnenbarke« aber deutlich anders ist. Während die Sterne aus einer natürlichen Legierung bestehen (Waschgold mit 20% Silberanteil), hat die Barke einen wesentlich höheren Goldanteil. Und sie wurde als eines der letzten Objekte auf der Scheibe angebracht, was man auch daran erkennt, daß sie einem der Sterne unangenehm nahekommt - der Künstler hielt sonst einen strengen Mindestabstand der Sterne zu den anderen Elementen ein, was hier nicht mehr gelang. Derzeit wird untersucht, ob die noch später montierten »Horizontbögen« vom selben Handwerker oder einem anderen eingepaßt wurden.

Die Ausgrabungen an der Fundstelle der Scheibe auf dem Mittelberg gehen ebenfalls weiter: Es ist bereits nachgewiesen, daß der Platz schon seit der Mitte des 6. Jahrtausends genutzt wird. Eine Datierung der Ringwallanlage mit naturwissenschaftlichen Methoden steht noch aus; die topografische Situation legt jedenfalls nahe, daß es weniger eine Verteidigungsanlage war als die Begrenzung eines offenbar für bedeutsam erachteten Ortes, der andererseits aber nicht groß besiedelt war. Daß die Scheibe dort deponiert wurde, spricht einerseits für eine sakrale Bedeutung und andererseits für einen räumlichen Bezug zum Mittelberg. Wieder der Öffentlichkeit zu Gesicht kommen wird die Himmelsscheibe ab dem 14. Oktober 2004 in einer großen Ausstellung in Halle (»Der geschmiedete Himmel«), und ein großer wissenschaftlicher Kongreß steigt im Februar 2005. [15.10.2003]

[759] Quellen: ein Artikel von Supprian und ein Interview mit H. Meller und C. Wunderlich in MegaLithos 4 [3/2003] S. 93-8.


Hinweise auf die Topologie des Universums in den Daten von WMAP?

Die bisher beste Gesamtschau der Kosmischen Hintergrundstrahlung (CMB) durch den Satelliten WMAP hat nicht nur viele Fragen beantwortet (siehe
Artikel 606), sondern auch ein großes Rätsel aufgeworfen: Warum gibt es im Powerspektrum der Temperaturfluktuationen keine »Power« auf großen Winkelskalen von mehr als 60 Grad? Das Muster der Schwankungen an der Sphäre läßt sich in eine Reihe von Multipolen zerlegen: Am ausgeprägtesten ist das Defizit beim Quadrupol, der nur ein Siebtel der Stärke hat, die man bei einem unendlichen flachen Kosmos erwarten würde. Aber auch der Oktupol hat nur 72% des theoretischen Wertes - während alle höheren Multipole geradezu perfekt den Voraussagen für ein unendliches Universum entsprechen.

Allerlei komplizierte Ideen kursieren bereits, um das Quadrupol-Defizit zu erklären (wie es dem Dipol geht, weiß man nicht, weil die Bewegung der Galaxis relativ zum CMB alles überdeckt) - doch es gäbe auch einen »einfachen« Ausweg: Wenn das Universum nämlich nicht unendlich ausgedehnt sondern begrenzt wäre, dann müßten die Fluktuationen auf den größten Winkelskalen unterdrückt sein, weil so große Wellen im Kosmos gar keinen Platz gehabt hätten. Aus demselben Grund hat auch eine kleine Glocke einen höheren Grundton als eine große. Um aber gleichzeitig begrenzt und doch flach zu sein, wie es nicht zuletzt die WMAP-Ergebnisse nahelegen (Omega_Total = 1.02±0.02), müßte die Topologie des Raumes komplizierter sein als im klassischen Euklidischen Raum, in dem wir uns alle zu befinden glauben: Raumsegmente müßten auf kuriose Weise miteinander »vernäht« sein.

Es gibt nun tatsächlich eine Topologie, die mit dem WMAP-Powerspektrum und -Omega_Total gleichermaßen perfekt verträglich wäre: wenn wir in einem »Poincaré-dodekaedralen Raum« leben würden. Dabei würde sich die Oberfläche der Hypersphäre (die wir als dreidimensionalen Raum wahrnehmen) aus 120 sphärischen Dodekaedern zusammensetzen, die ihrerseits aus je 12 nach außen gekrümmten Fünfecken bestehen und die Hypersphäre komplett abdecken. Bzw. den gesamten existierenden Raum ausfüllen: Das kann man sich nicht wirklich vorstellen (daß der Weltraum die Gestalt eines Fußballs habe, wie in so manchem Artikel zu lesen, ist völlig irreführend), doch mathematisch ist es exakt berechenbar - und es gibt genau eine Lösung, die wiederum konkrete Vorhersagen macht. Zum einen ist dies der Wert von Omega_Total, der 1.013 sein müßte: Das ist mit den heute vorliegenden WMAP-Messungen vereinbar.

Eine andere Vorhersage jedoch scheint bereits zur Widerlegung des Modells geführt zu haben: Weil die sphärischen Dodekaeder miteinander verbunden sind, können uns Lichtstrahlen von einem Raumpunkt (so er nicht zu weit entfernt ist) auf mehr als nur einem Weg erreichen. Daher müßte es Korrelationen der CMB-Temperatur entlang von Kreisen an der Himmelssp&hauml;re geben (die so genannten Cornish-Spergel-Starkman-Kreise): Im konkreten Modell müßten sie Radien von 35° haben und sich auf CMB-Karten des gesamten Himmel relativ gut nachweisen lassen. Spätestens die Daten des ESA-Satelliten Planck sollten gut genug sein, um diesen Test mit eindeutigem Ergebnis durchzuführen, und vielleicht geht es auch schon mit der aktuellen WMAP-Karte oder dem Produkt der derzeit laufenden verlängerten Mission.

Wie es der Zufall (?) wollte, erschien just einen Tag, bevor das Dodekaedermodell in Nature publiziert wurde, das Ergebnis genau dieses Tests auf dem astro-ph-Preprintserver: Mit enormem Rechenaufwand hatten Cornish, Spergel und Starkman (sowie ein 4. Autor) nach »ihrem« Effekt in den WMAP-Daten vom Februar gesucht und dabei alle Parameter offengelassen. Das (eindeutige?) Ergebnis: »Wir finden keinerlei passende Kreise mit einem Radius größer als 25°«, was eine große Zahl topologischer Modelle ausschließe und zeige, daß der Kosmos mindestens 24 Gigaparsec (78 Mrd. Lichtjahre) groß ist. Insbesondere sei damit das Poincaré-Dodekader-Modell ausgeschlossen, das ohne wenn und aber 35°-Kreise vorraussagt. Ein größeres geschlossenes Universum bleibt aber weiterhin möglich, und mit der Kreis-Methode kann überhaupt nur bis 28 Gpc getestet werden. [15.10.2003]

[758] Quellen: Luminet & al., Nature 425 [9.10.2003] S. 593-5 + Ellis, ibid. S. 566-7. Links: das Paper von Cornish & al. mit dem Kreistest, ein Nature Science Update, ein Artikel des New Scientist und ein Konferenzbericht von Sky & Tel., die davon gehört haben, Artikel von BBC, Space.com, BdW, Welt und NetZeitung, die alle nichts davon wußten - und eine Visualisierungshilfe.

Die Beschleunigung des Kosmos begann vor ca. 5 Mrd. Jahren, als die »Dunkle Energie« die Oberhand gewann - das geht aus der neuesten Auswertung von Supernova-Beobachtungen mit dem HST hervor: CWRU Press Release.

Vage Hinweise auf die Natur der Dunklen Materie könnten in einer Gammalinie aus der Umgebung des Galaktischen Zentrums stecken - wenn Teilchen der DM dahinter stecken, wäre ihre Masse mit nur MeV überraschend gering: ein Paper von von Boehm & al. und ein Artikel des New Scientist.

Gehorcht die DM manchmal nicht der Schwerkraft? Ein ad-hoc-Modell (ohne wirklich physikalische Basis) würde immerhin Probleme der Galaxienentstehung lösen: BdW.


Der erste astronomische Einsatz von Adaptiver Optik mit Laserleitstern an einem Großteleskop

ist am 20. September am Keck Observatory auf dem Mauna Kea gelungen: Ein 15 Watt starker Laserstrahl direkt neben dem Telekop (siehe auch Artikel 383!) produzierte einen konstant 9.5m hellen Punkt in der atmosphärischen Natriumschicht in 90 km Höhe, dessen Verzerrungen durch tiefere Luftschichten die AO des Keck II benutzen konnte, um den 15m-Stern HK Tau zu schärfen und dabei auch seine zirkumstellare Scheibe sichtbar zu machen.

Die FWHM (sozusagen der Durchmesser) der Lichtverteilung eines 14m-Sterns schrumpfte dank der Laser-AO von 183 auf 50 Millibogensekunden. Noch sind viele weitere Tests des Laser-AO-Systems nötig, aber ab 2005 soll es allen Astronomen zur Verfügung stehen: Über 80% des Himmels können nun mit beugungsbegrenzter Auflösung aufgenommen werden. Daß es nicht der ganze Himmel ist, liegt daran, daß immer zusätzlich zum Laserstern auch ein (schwacher) natürlicher Leitstern gebraucht wird, um die Wellenfrontverformung komplett vermessen zu können. Die 80% sind gleichwohl ein gewaltiger Sprung gegenüber dem etwa einen Prozent des Himmels, das ausreichend hellen Sternen für laserlose AO benachbart liegt. [10.10.2003]

[757] Link: ein Keck Press Release.


Hubbles Fine Guidance Sensors immer beliebter als wissenschaftliches Instrument

Eigentlich dienen sie dazu, das Hubble Space Telescope am Himmel präzise auszurichten, während ein »richtiges« Instrument seine Belichtung durchführt - doch die FGS selbst sind zu einem immer erfolgreicheren Instrument für hochpräzise astrometrische Messungen geworden und haben bereits die alte Kamera WFPC2 an Popularität überholt. Im 12. Jahr, das das Weltraumteleskop für allgemeine Anträge offensteht (dem »Cycle 12«, der seit Juli 2003 läuft), werden 5% der Orbits - insgesamt 268 - auf die FGS entfallen, aber nur 2.3% auf die WFPC2. Auch das vorgeschlagene Beobachtungsprogramm, das unter allen 1100 Bewerbern für den Cycle 12 die beste Note bekam, wird sich der FGS bedienen: Es geht um die direkte Entfernungsbestimmung zu Cepheiden mit der Parallaxenmethode.

Da die gesamte kosmische Entfernungsleiter auf diesen veränderlichen Sternen und ihrer Perioden- Helligkeitsbeziehung basiert, sollte sich die Zuverlässigkeit praktisch aller Entfernungsangaben im All deutlich verbessern lassen. Bisher kalibiert man die Cepheiden überwiegend an der Großen Magellanschen Wolke, doch das ist problematisch und macht den größten Restfehler der Hubblekonstanten aus (siehe Artikel 179). Hubble ist mit den Fine Guidance Sensors das beste Instrument der Astronomiegeschichte geworden, um (relative) Sternpositionen am Himmel zu messen und übertrifft mit einer Genauigkeit von 200 Mikrobogensekunden (!) den Hipparcos-Satelliten um einen Faktor 5.

Das Meßprinzip der FGS ist ziemlich kompliziert und basiert auf Amplitudeninterferometrie, doch das tut ihrer wachsenden Popularität keinen Abbruch. Neben der präzisen Parallaxenmessung zur direkten Entfernungsbestimmung werden sie zunehmend auch herangezogen, um winzige Bahnen von Sternen und/oder Planeten umeinander in der Himmelsebene nachzuweisen und so zu genau(er)en Massenbestimmungen der Beteiligten zu kommen (siehe z.B. Artikel 572). Das Gros von Hubbles Beobachtungszeit im Cycle 12 (55%) geht natürlich weiterhin an die neue Kamera ACS, 23% benutzt STIS und 21% NICMOS. Insgesamt stehen 5315 Orbits zur Verfügung, und 25'902 Orbits Beobachtungszeit war beantragt worden. [10.10.2003]

[756] Quelle: Macchetto/Beckwith, STScI Newsletter 20 [Sommer 2003] S. 1-7. Link: die Homepage der Fine Guidance Sensors.


Endlich klar: Galileo sendete Daten bis zuletzt!

Es dauerte mehrere Wochen, aber jetzt steht fest: Bei seinem Kamikaze-Flug in den Jupiter (siehe
Artikel 745) hat der betagte Jupiterorbiter Galileo noch bis zuletzt brauchbare wissenschaftliche Daten gesendet! Weil alles in Echtzeit über seine Niedriggewinnantenne gesendet werden mußte und natürlich nichts zwischengespeichert werden konnte, war der Orbiter so programmiert worden, daß er die letzten vier Stunden mit höherer Rate senden sollte, 32 statt 20 Bit pro Sekunde - auch wenn dieser (immer noch bescheidene) Datenstrom in Echtzeit nicht mehr zu entschlüsseln sein würde. Genauso kam es: Als die Datenrate hochsprang, wurden die Bildschirme in der Flugkontrolle dunkel, und zunächst konnte niemand sagen, ob noch Sinnvolles übermittelt worden war.

Die extrem schwachen Radiosignale waren aber auf der Erde mit hoher Bandbreite aufgezeichnet worden, und am 25. September konnten die ersten Datenfragmente erkannt werden. Anfang Oktober war schließlich klar: Die gesamte 4.5-stündige Sendung war ein Erfolg, und noch bis zum Verschwinden hinter dem Jupiter-Horizont, Minuten vor dem Verglühen, war Galileo in wissenschaftlicher Mission tätig gewesen. Selbst der immer stärkeren Strahlung hatte er wacker widerstanden, und sogar wenn man nicht ohnehin fast alle möglichen Safe Modes blockiert hätte, wäre keiner aktiviert worden. Jetzt beginnt die Auswertung der zum Teil einmaligen Messungen aus unmittelbarer Jupiternähe, die auch für künftige Missionen interessant sind, die sich so nahe heranwagen könnten. [10.10.2003]

[755] Quellen: AW&ST vom 29.9. und 6.10. S. 29-30 bzw. 44. Link: "The Trials of Galileo" von der Planetary Society.


Seen aus Kohlenwasserstoffen auf dem Saturnmond Titan

verraten sich offenbar in Radarechos, die mit dem Radioteleskop von Arecibo erhalten wurden: Die Oberfläche des großen Mondes warf die Radarpulse an 12 von 16 Stellen einerseits wie ein Spiegel zurück, doch die Echos waren andererseits so schwach, daß kein Eis sondern nur eine Flüssigkeit als Reflektor in Frage kommt. Die naheliegende Vermutung: Es handelt sich um bis zu 150 km große Seen, die mit einer Mischung aus Methan und Ethan gefüllt sind.

Die Titanatmosphäre besteht zwar überwiegend aus Stickstoff, doch sie enthält auch größere Mengen Methan: Es ist bei der Oberflächentemperatur Titans von -179°C flüssig und könnte einen ähnlichen Kreislauf erleben wie das Wasser auf der Erde. Die Wahrscheinlichkeit steigt jedenfalls, daß die Titanlandekapsel Huygens eine feuchte Landung erleben wird, doch dafür ist sie wohlweislich genau so gut ausgelegt wie für ein Aufsetzen auf festem Boden. [10.10.2003]

[754] Links: ein Cornell Press Release und Artikel von Astronomy und New Scientist.


Die Feuerkugel, die keine war: Lektionen

aus einem kuriosen Medienereignis, das am 1. Oktober seinen Anfang nahm, hat drei Tage später der niederländische Meteorspezialist Marco Langbroek gezogen - und lernen können und sollten viele etwas daraus. Es begann am 24. September, als ein 15-jähriger Schüler in Wales mit einer Digitalkamera ein seltsames Phänomen am Himmel fotografierte - und das mysteriöse Bild schließlich per E-Mail an die NASA schickte, mit der Bitte um Aufklärung.

Der Schüler staunte nicht schlecht, als sein Bild am 1. Oktober als Astronomy Picture of the Day (APOD) auf einer vielbesuchten Website von NASA-Mitarbeitern auftauchte, deklariert als sensationelles Foto eines Boliden: Da sei ein »Sofa-großer« Felsen in die Atmosphäre eingetreten und zerbrochen. Britische Medien griffen den vermeintlichen Foto-Erfolg sofort begeistert auf, aber unter Meteorkennern löste das Bild meist Kopfschütteln aus: Mal wurde eine Fälschung vermutet (wofür es aber keinerlei technische Indizien gab), mal die Fehlinterpretation eines anderes atmosphärischen Phänomens - von einer dramatischen Feuerkugel über Großbritannien gab es jedenfalls keinerlei sonstige Berichte.

Als schließlich ein zweites Bild des seltsamen Rauchschlauchs aus einer ganz anderen Perspektive auftauchte, war die Erklärung praktisch offensichtlich: Es handelte sich um den Kondensstreifen eines Flugzeugs, vielleicht verdickt durch das Ablassen von Treibstoff, dessen Vorderende gerade noch von der Sonne getroffen worden war. Daß kein kosmischer Körper die Spur hinterlassen hatte, legte auch ihre Geradlinigkeit nahe: Die - seltenen - langlebigen Rauchspuren sehr großer Feuerkugeln liegen schräg in der Atmosphäre und werden durch unterschiedliche Windrichtungen in verschiedenen Höhen sofort in Zacken gerissen. Was also lernen wir aus all dem?

  • Heute wird ein großer Meteor in der Öffentlichkeit als erste Deutung eines mysteriösen Himmelsschauspiels bevorzugt, sagt Langbroek, und nicht mehr von einem UFO ausgegangen. Zahlreiche Medienberichte der letzten Jahre über Asteroiden, die »beinahe« mit der Erde zusammenstießen oder dies demnächst tun würden, scheinen ein unterschwelliges Umdenken ausgelöst zu haben. Die Flugzeug-Deutung des Phänomens setzte sich nur langsam durch: Ein kosmischer Impakt wird heute offenbar als wahrscheinlicheres Ereignis angesehen, was natürlich nicht der Fall ist.

  • Die »Story« wurde wohl nur so groß, weil »die NASA« das Bild für bedeutend erklärt hatte: Egal wie angeschlagen der Ruf der amerikanischen Weltraumbehörde sein mag, als Autorität für alles, was am Himmel passiert, gilt sie wie eh und je. Doch diesem Ruf wurde »sie« leider nicht gerecht, weil die APOD-Macher das Bild sofort zu einem Boliden im Fluge erklärt hatten, ohne sich offenbar mit Fachleuten auf dem Gebiet in Verbindung zu setzen. Zwar war ein Meteor-Ereignis als Verursacher des wolkigen Kanals zunächst nicht ausgeschlossen, doch wenn ja, dann schon lange vor der Aufnahme.

  • Die unseriöse Präsentation des Bildes und das heftige Medienecho hatten trotzdem ein Gutes: Anderenfalls wäre die Aufnahme aus der anderen Richtung, die den kompletten Wolkenschlauch zeigt und die Zusammenhänge klarmacht, vielleicht nie publiziert worden. Und mit dem Schüler-Bild allein die ganzen Zusammenhänge aufzuklären, wäre sehr schwierig geblieben: Es gibt nämlich Zeichnungen (und wenige unscharfe Fotos) von hellen Boliden im Fluge, denen man eine gewisse Ähnlichkeit mit der Aufnahme nicht absprechen kann.
Der Kondensstreifen, der zum Boliden wurde, ist gewissermaßen das Gegenstück zu der echten Feuerkugel, die am 6. April 2002 über Süddeutschland flog - und von vielerlei »Experten« zunächst für Satellitenteile, ein Polarlicht oder einen Kometen gehalten worden war (siehe Artikel 459). Auch damals waren es Amateurastronomen, die schließlich die Medien von der korrekten Erklärung überzeugen konnten, nämlich daß in diesem Fall ein kosmischer Besucher dahintersteckte (der in Gestalt der Neuschwanstein-Meteoriten schließlich sogar geborgen werden konnte). Astro-soziologisch gesehen darf man jedenfalls gespannt sein, wie wohl das nächste Mysterium am Himmel interpretiert werden wird ... [5.10.2003]

[753] Links: Langbroeks Artikel und mehr im CCNet, das APOD mit inzwischen revidierter Unterschrift, ein Artikel mit dem 2. Bild (der aber daraus einen falschen Schluß zieht) und andere Artikel von BBC und Independent.

20 kg Meteoriten fielen auf ein Haus in New Orleans, haben Sammler festgestellt - ein Körper durchschlug am 23. September mehrere Stockwerke und zersplitterte dann: Sonderseite.


Schon 134 Monde der großen Planeten

Erde bis Pluto sind jetzt im Sonnensystem bekannt, nachdem in den letzten Wochen zwei verlorene Uranusmonde und ein verlorener Neptunmond bestätigt und zwei weitere Uranusmonde und ein neuer Neptunmond gefunden werden konnten - an der erneuten Entdeckungsschwemme waren das Hubble Space Telescope und diverse 4- bis 8-m-Teleskope auf der Erde beteiligt:

Nach den neuen Entdeckungen haben nun die Erde und der Pluto je einen, der Mars 2, der Neptun 13, der Uranus 25, der Saturn 31 und der Jupiter 61 Monde - aber auch eine wachsende Zahl von Asteroiden und Bewohnern des Kuipergürtels besitzen natürliche Satelliten. [5.10.2003]

[752] Links: STScI und IfA Press Releases, Astronomy Online vom 4.10. und 27.9. und Rhein. Post.


Neuer Rekord für Asteroidenannäherung an die Erde

Nach fast 9 Jahren ist der Rekord gebrochen: 1994 XM1 ist nicht mehr derjenige (bekannte) Asteroid, der der Erde am nächsten kam ohne einzuschlagen, sondern 2003 SQ222. Mit rund 84'000 km Entfernung am Abend des 27. September hat er die 108'000 km von XM1 klar unterboten, auch wenn er mit einem Durchmesser von nur 3 bis 6 Metern noch kleiner ist (XM1: 7 bis 15 Meter). Mit der Erde kollidieren kann 2003 SQ222 auf absehbare Zeit nicht, weil sich beider Bahnen nie näher als 27'000 km kommen. Und selbst wenn er die Erde getroffen hätte, wäre es lediglich zu einer hübschen Feuerkugel gekommen, und allenfalls ein paar kleine Meteoriten wären gefallen. Eine Vorwarnung hätte es jedenfalls nicht gegeben: Weil der Asteroid aus Richtung der Sonne kam, wurde er erst am 28. September entdeckt, von dem automatischen Suchprogramm LONEOS in Arizona.

Es gibt rund 500 Millionen Near Earth Asteroids, die so groß wie 2003 SQ222 oder größer sind, etwa 3000 davon kommen uns jedes Jahr näher als der Mond (und 100 pro Jahr sogar näher als der neue Rekordhalter). Mit einer mittleren Geschwindigkeit von 17 km/s halten sie sich typischerweise nur 8 Stunden lang in weniger als einer Mondentfernung von der Erde auf - und der größte Teil von ihnen huscht so schnell vorbei, daß er auch von modernen CCD-Kameras gar nicht erfaßt werden. Den Minimaldistanzrekord für einen bekannten Asteroiden, der eine (minimale) Gefahr dargestellt hätte, hält übrigens weiterhin der 50 bis 120 Meter große 2002 MN, der am 14.6.2002 bis auf 120'000 km an die Erde herankam (und jetzt auf Platz 4 der Gesamtliste steht): Er wäre vermutlich in einem gigantischen Airburst in der Atmosphäre untergegangen, deren Druckwelle am Boden aber erhebliche Schäden hätte auslösen können. [5.10.2003]

[751] Links: ein Press Release des Lowell Obs., ein Artikel des New Scientist und die erneut aktualisierte Liste der Closest Approaches.

»Meteoritenregen« in Indien weiter unbewiesen - zwar sind mehrere verdächtige Brocken eingesammelt worden (die übrigens in keinem Zusammenhang mit den brennenden Häusern standen), aber ihre außerirdische Natur ist noch nicht bestätigt: CCNet (Items 6+7).


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