Meldungen Nr. 531-540
vom 5.-10.10.2002
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Physik-Nobelpreis 2002 für den Nachweis kosmischer Neutrinos ...

Nicht zum ersten Mal stehen die »Geisterteilchen« der Physik auf dem noblen Podest, wohl aber ihre kosmische Ausführung: Zwei der führenden Jäger kosmischer Neutrinos erhalten je ein Viertel des Physiknobelpreises 2002. Es ist zum einen der Pionier des ganzen Forschungsgebiets überhaupt, der bereits 87-jährige (und leider gesundheitlich schwer angeschlagene) Raymond Davis Jr. und zum anderen Masatoshi Koshiba, der die detaillierte Erforschung der Kosmos-Neutrinos später mit anderer Meßtechnik maßgeblich voranbrachte - ohne das ursprünglich gewollt zu haben.

Davis hatte in den 60er Jahren einen völlig neuartigen Detektor erdacht und gegen alle Widerstände auch in einer Mine gebaut: Hier warteten bis 1994 rund 600 Tonnen einer Flüssigkeit auf Sonnenneutrinos, von denen ein winziger Bruchteil Kernreaktionen auslöste - in 30 Jahren Betrieb konnte Davis gerade einmal 2000 veränderte Atome aus dem Tank spülen und nachweisen.

Das »Davis-Experiment«, wie es allgemein nur hieß, bewies zum einen, daß die Sonne ihre Energie wirklich durch Kernfusion erzeugt - und warf zugleich das berühmte Sonnen-Neutrinoproblem auf, das erst kürzlich durch andere Experimente endgültig gelöst werden konnte (siehe Artikel 290). Neben dem SNO war an der Aufklärung des Neutrinoproblems auch das japanische Experiment Super-K beteiligt, das überdies in den 90er Jahren die ersten klaren Hinweise auf eine Neutrinomase > 0 gefunden hatte (siehe z.B. Artikel 90) - und der Schöpfer von ihm und seinem Vorgänger bekommt das zweite Viertel.

Denn Koshibas Kamiokande brachte bereits in den 80er Jahren die Neutrinoforschung gewaltig voran. So konnte dieser gigantische Wassertank mit Photomultipliern nicht nur ebenfalls die Neutrinos aus dem Sonnenkern nachweisen: Er war auch richtungsempfindlich und zeigte, daß die Teilchen wirklich von der Sonne kamen. Den größten Triumpf feierte Kamiokande freilich am 23. 2. 1987, als er auch 12 der 1016 Neutrinos von der Supernova 1987 A einfing, die durch den Detektor sausten. Kurioserweise war all das gar nicht wirklich geplant gewesen: Eigentlich sollte Kamiokande den Zerfall des Protons nachweisen.

... und die Entdeckung der ersten Röntgenquelle außerhalb des Sonnensystems

Auch die andere Hälfte des Nobelpreises hat ihre kuriosen Seiten: Der geborene Italiener und US-Staatsbürger Riccardo Giacconi wird für die Entdeckung von Scorpius X-1 bei einem Raketenexperiment am 18. 6. 1962 geehrt - das eigentlich etwas ganz anderes messen sollte und bei dem er persönlich auch gar nicht anwesend war. Vielmehr hatte seine kleine Arbeitsgruppe (die zu einer Firma für Röntgendetektoren gehörte) ein schwaches Röntgenglimmen des Mondes nachweisen wollen, ausgelöst durch die schon länger bekannte Röntgenstrahlung der Sonne.

Die meisten Teammitglieder, darunter auch Giacconi, waren im Juni 1962 im Pazifik unterwegs, um die Röntgenemission eines Nukleartests in der Atmosphäre zu beobachten (die waren damals noch erlaubt). Nur Herb Gursky hielt die Stellung in der White Sands Missile Range in New Mexico, überwachte den kurzen Raketenflug eines etwas richtungsempfindlichen Geigerzählers - und staunte nicht schlecht, als der zwar den Mond nicht sah, wohl aber eine andere Himmelsquelle, an einem Ort, wo eigentlich gar nichts war. Erst später sollte sich » Sco X-1« als einer von vielen Röntgendoppelsternen entpuppen.

Auch mehrere andere Arbeitsgruppen waren damals auf der Suche nach Röntgenquellen jenseits der Sonne gewesen, es gab sogar schon Tagungen, auf denen darüber spekuliert wurde, und den Einsatz von Geigerzählern auf Raketen hatte längst Bruno Rossi gefordert - die Entdeckung von Giacconi et al. war »sicher eine Überraschung, aber kein Zufall,« wie Gursky heute meint. Zu seinen Nobel-Ehren dürfte der rührige Giacconi - der u.a. auch Direktor des Space Telescope Science Institute und der ESO war - auch dadurch gekommen sein, daß er später maßgeblich zum Bau mehrerer erfolgreicher Röntgensatelliten beitrug. [10.10.2002]

[540] Links: die offizielle Pressemitteilung des Nobel-Komitees (mit weiteren Dokumenten) und Artikel von AP, NetZeitung und Rhein. Post. Zur Aufklärung des solaren Neutrinoproblems auch ein kurzes Paper von Ananthanarayan & Singh und zur Geschichte der Röntgenastronomie Seiten zur Entdeckung von Sco X-1 und zur weiteren Entwicklung.

Zusätzliche Quellen: Turner, Physics Today 12/2001 S. 10-11 über das Sonnenneutrinoproblem (und wie letztlich der Theoretiker John Bahcall Recht behielt, der immer sicher war, daß es an den Neutrinos und nicht an der Sonne liegen mußte) + eine Pressekonferenz von H. Gursky auf der AAS-Tagung in Albuquerque am 4.6. zum 40. Geburtstag der Röntgenastronomie + Gursky, Science 297 [30.8.2002] 1485-6.


Himmelsdurchmusterung räumt letzte Quasar-Zweifel aus

Seit vor bald vierzig Jahren die ersten Quasare identifiziert und ihre gewaltigen Entfernungen und damit auch Leuchtkräfte klar wurden, hat es immer wieder eine kleine Minderheit von Astrophysikern gegeben, die das nicht wahr haben wollte: Sie interpretierten die großen Rotverschiebungen dieser Objekte nicht im kosmologischen Sinne, sondern als gewaltige Geschwindigkeiten. Es handle sich mithin um Materiegeschosse, die aus Galaxien geschleudert würden - und auch wenn dieser Interpretation schon bald niemand mehr folgen wollte, so sammelten die Quasar-Zweifler doch weiter seltsame statistische Effekte.

Da schien es zum Beispiel eine Häufung von Quasaren in der Nähe von Galaxien zu geben, wobei die Quasare jeweils ziemlich genau 59% der Lichtgeschwindigkeit relativ zu den Galaxien zu haben schienen: Wie konnte das sein, wenn die Quasare um ein Vielfaches weiter entfernt wären? Die Lösung: Es stimmt einfach nicht! Dank der großen Himmelsdurchmusterung 2dFGRS (siehe Artikel 52) und einer weiteren mit demselben Teleskop kennen wir heute die Rotverschiebungen von 200'000 Galaxien und 25'000 Quasaren - und der vermeintliche Effekt hat sich einfach in Luft aufgelöst ... [10.10.2002]

[539] Link: ein RAS Press Release. Mehr Quasar-Statistisches gab es kürzlich im Cosmic Mirror # 239 (Artikel 6) und 236 (Artikel 2).


Ein Shuttlestart aus ungewöhnlicher Perspektive

war am 7. Oktober live im Fernsehen (u.a. ½ Stunde lang auf CNN-I) zu verfolgen, wenn auch mit Hindernissen: Zum ersten Mal saß außen auf einem bemannten Träger eine kleine Kamera, die am großen Außentank entlang nach unten schaute - und die leider beim Absprengen der Booster so stark verschmutzte, daß kaum mehr etwas zu sehen war.

Doch in den zwei Minuten vorher war die Perspektive - besser als die der Astronauten selbst - spektakulär und überraschend zugleich gewesen: Man sah, wie sich der aufsteigende Shuttle drehte (»roll maneuver«), sich die Küste Floridas nach unten entfernte und nach einer Weile der Horizont ins Bild kam. Doch von der gewaltigen Wasserdampfschleppe der Atlantis auf ihrem Weg zur ISS (siehe Artikel 531) war fast nichts zu sehen, außer ihrem schmalen Schatten auf dem Atlantik. Vielleicht wäre ein noch weiterer Weitwinkel angebracht gewesen - und vor allem ein Scheibenwischer ...

Der Berichterstatter hat hier durchaus das Recht zu motzen: Die Kamera wurde nämlich allein zum Gaudium der Öffentlichkeit mitgenommen und hatte keinerlei wissenschaftliche oder technische Aufgaben. Offiziell heißt sie »ET-Cam«, weil sie auf dem External Tank sitzt, inoffiziell »DanCam«, weil sie auf eine Initiative des Ex-NASA-Chefs Dan Goldin zurückgeht. Und man könnte sie auch »HomerCam« nennen: Die Idee kam der NASA nämlich durch die »Simpsons«-Episode »Deep Space Homer«, in der das eigentliche Ziel von Shuttlestarts hohe TV-Einschaltquoten sind ... [8.10.2002]

[538] Links: ein Ecliptic Enterprises PR zur ShuttleCam, jede Menge Standbilder der Kamera, Artikel von Florida Today, BBC, Houston Chronicle, Space.com, Rh. Post und NetZeitung - und der Sydney Morning Herald über die Rolle der »Simpsons«.


Noch ein »halber Pluto« im Kuiper-Gürtel aufgespürt

Noch ist das Kuiperoid Pluto etwas Besonderes, und mit 2400 km Durchmessern und 60% Albedo kann er seine herausgehobene Natur als neunter Planet einstweilen verteidigen - doch immer mehr andere Bewohner des Kuipergürtels können sich zumindest »halbe Plutos« nennen. Längst ist (20'000) Varuna mit rund 900 Kilometern (siehe
Artikel 189) nicht mehr der größte der Verfolger: (28'978) Ixion alias 2001 KX76 (siehe Artikel 313 - Kurzmeldung) bringt es nach neuen radioastronomischen Messungen auf 900 bis 1200 km Durchmesser - und 2002 LM60 ist 1200 bis 1300 km groß.

Das weiß man deswegen so genau, weil die Albedo bzw. der Durchmesser dieses Kuiperoids mit zwei Methoden direkt bestimmt worden sind und daher die aktuelle Kontroverse um typische Kuiper-Albedos (siehe Artikel 523) keine Rolle spielt. Zum einen gibt es IR-Messungen, die zusammen mit der visuellen Helligkeit eine Albedo von 10% anzeigen - und mit dem HST wurde 2002 LM60 marginal aufgelöst, was den großen Durchmesser bestätigt. Da Bilder des Objekts auf bis zu 20 Jahre alten Aufnahmen gefunden wurden, ist die Bahn schon gut bekannt (kreisförmig; Radius 42 AU): Bald dürfte 2002 LM60 Nummer und Name bekommen; das indianische Wort Quaoar wird dafür vorgeschlagen. [8.10.2002]

[537] Links: Caltech, STScI und MPIfR Press Releases sowie mehr Details zu 2002 LM60 und ein Kommentar von Alan Stern.


Kontroverse Ansichten über die zweite Phase der NEA-Jagd

wurden bei einer Anhörung vor dem Wissenschafts-Ausschuß des US-Kongresses am 3. 10. deutlich: Es ist keineswegs ausgemacht, daß sich die Astronomen mit einer neuen Generation von Großteleskopen auf die Jagd nach potentiell gefährlichen Near Earth Asteroids von ein paar hundert Metern Durchmesser machen dürfen, sobald der größte Teil der mindestens 1 km großen katalogisiert ist. Bis etwa 2008 dürfte dieses vor rund 10 Jahren definierte Ziel erreicht sein, denn gut die Hälfte der etwa 1200 Objekte ist schon entdeckt, und die Effizienz der diversen internationalen Suchprogramme steigt ständig weiter. Mit ein paar Mio.$/Jahr trägt die NASA einen signifikanten Anteil ihrer Kosten.

Befindet sich keines der 1-km-Objekte auf einer gefährlichen Bahn, dann ist die Menschheit als Ganze insofern »gerettet«, als Impakte mit einer globalen Katastrophe in der Folge weitgehend ausgeschlossen sind (ein kleines Restrisiko durch große Asteroiden auf exotischen Orbits sowie Kometenkerne bleibt natürlich immer) - das unabhängig der Frage, ob damit schon ab 1 km oder erst viel größeren Asteroiden gerechnet werden muß (siehe Artikel 413). Doch auch schon Asteroiden mit einigen hundert Metern Durchmesser können noch ganze Landstriche verwüsten und v.a. verheerende Tsunamis auslösen. Unter vielen NEA-Jägern gilt es deshalb als ausgemacht, daß der nächste Schritt die weitgehend vollständige Katalogisierung der mindestens 300 Meter großen NEAs sein muß.

Von denen gibt es freilich geschätzte 50'000, und sie sind viel lichtschwächer: Mehrere große oder ein ganz großes Teleskop exklusiv für die Jagd auf kleine NEAs werden werden daher schon länger gefordert, etwa von einer vielzitierten britischen Studie (siehe Artikel 128), und das in den USA von mehreren Panels (siehe z.B. Artikel 35) empfohlene 6.5-Meter-LSST wäre der Aufgabe gewachsen. Doch der Wissenschaftschef Ed Weiler der NASA - die die Hälfte des LSST bezahlen soll - erteilte den Wünschen bei dem Hearing eine Absage: Man müsse die Risiken durch NEAs < 1 km noch viel intensiver diskutieren und erst nach einem breiten Konsens neue und viel teurere Suchprogramme angehen. [8.10.2002]

[536] Links: Artikel über das Hearing von SpaceRef (mit Links u.a. zu sämtlichen Dokumenten), Gannett und Space.com und insbesondere die Statements von Weiler gegen und von Burns für neue Programme und v.a. das LSTT; zu letzterem Auftritt auch ein Cornell Press Release.


Die »Himmelsscheibe von Nebra«: ein Unikat der Archäoastronomie

Ihren Namen mußte sie ändern, nachdem sich ein cleverer Geschäftsmann kurzerhand »Sternscheibe« als WWW-Domain registrieren ließ, und auch der ursprünglich vermutete Fundort stimmte nicht ganz: Jetzt feiern die Archäologen den Anfang des Jahres Raubgräbern abgejagten Fund aus
Artikel 460 als die »frühbronzezeitliche Bronzescheibe mit Himmelsdarstellung von Nebra« - und sind seit dem 20.8. eifrig dabei, eine große bronzezeitliche Wallanlage auf dem Mittelberg im Ziegelrodaer Forst auszugraben, in der sie einst aus dem Boden gezogen wurde.

Der Metalldetektor der inzwischen geläuterten Räuber, die sich im Juli der Kripo gestellt und den Fundort verraten hatten, war gar nicht von der kuriosen Bronzescheibe sondern zwei Schwertern ausgelöst worden, die in unmittelbarer Nähe im Boden steckten. Diese Schwerter sind es im Wesentlichen auch, auf denen die ganze Datierung der Himmelsscheibe auf 1600 v. Chr. basiert - und ihr Stil stellt zugleich eine faszinierende Verbindung mit dem Balkan oder gar der Ägäis her.

Die Scheibe dagegen ist auf der Welt einzigartig, was aber nicht gegen ihre Echtheit spricht: Von der haben sich vor allem Metallurgen inzwischen überzeugt - und wenn es eine clevere Fälschung gewesen wäre, dann wären dafür sicher von Anfang an mehr als »nur« 30'000 DM verlangt worden. Die Deutung des Dargestellten ist weiterhin nicht eindeutig, aber weil die Kriminalisten inzwischen wissen, wie die Scheibe genau im Boden steckte (in dem sie offenbar mit einiger Sorgfalt »beerdigt« wurde), sind immerhin einige Interpretationen wahrscheinlicher geworden:

  • Die beiden je 82.7° langen Bögen, die einander am Rand gegenüberstehen, entsprechen exakt den Horizontbögen, die die Auf- und Untergangspunkte der Sonne in Sachsen-Anhalt im Jahreslauf überstreichen. Dadurch wird der lokale Bezug der Scheibe entscheidend untermauert.

  • Der kurze Bogen am Rand genau dazwischen könnte mithin eine »Sonnen-Barke« sein, die zwischen Sonnenauf- und -untergang hin und her fährt: Dieses mutmaßliche Schiff war in der Fundlage genau unten, was gegen die alternative Deutung (eines hellen Milchstraßenstücks) spricht.

  • Die beiden großen Objekte in der Mitte sind hingegen weiter strittig: Sind es die Sonne und der Mond oder aber der Vollmond und eine Mondsichel (oder Mondfinsternis)? Die Sonne und die Sterne gleichzeitig am selben Himmel abzubilden, wäre wohl eine für Bronzezeitler zu ungeheure Abstraktionsleistung gewesen.

  • Die sieben Sterne in einem Haufen werden allgemein als die Plejaden gedeutet, weil dieser auffällige Asterismus in der Kulturgeschichte der Menschheit stets eine viel größere Rolle gespielt hat als die Alternative Präsepe. Und das kleine Sternbild Delphin steht zu weit von der Ekliptik weg, um relevant genug zu sein.

  • Die restlichen Sterne bilden keine erkennbaren Sternbilder ab, sondern sind offenbar mit Bedacht »zufällig« auf den freien Bereichen der Scheibe verteilt worden. Allerdings nicht wirklich zufällig (denn eine echte Poisson-Verteilung sieht viel klumpiger aus): Vielmehr hat der Künstler explizit versucht, jeden Eindruck eines Musters zu vermeiden.
Moderne Versuchspersonen, die Sterne »möglichst zufällig« auf einer Himmelsscheibe verteilen sollten, lieferten in Experimenten der Uni Bochum jedenfalls ganz ähnliche Verteilungen ab wie unser Paläoastrokünstler, dem es um eine gleichzeitig abstrakte und doch realistische Darstellung des Nachthimmels gegangen zu sein scheint (zum ersten Mal überhaupt in der Kunstgeschichte). Jedenfalls war das der Anfang, denn die Scheibe ist später noch mindestens zweimal umgestaltet worden.

Die beiden Horizontstreifen sind nämlich erst später hinzugekommen, wie sich bei Röntgenaufnahmen der Scheibe gezeigt hat: Bevor sie aufgebracht wurden, mußten mehrere Sterne am Rand weichen. Und die geradezu brutale Lochung des Scheibenrandes, die durch sämtliche grafischen Elemente hindurchgeht, wird auch nicht die ursprüngliche Intention des Künstlers gewesen sein. Über die Verwendung der Scheibe kann ohnehin nur spekuliert werden: Die Horizontstreifen mögen zu direkten Messungen benutzt worden sein, oder die Scheibe war Lehrmaterial für die Priester, die die Wallanlage für Himmelsbeobachtungen nutzten.

Die astronomische Deutung der etwa 200 Meter großen Anlage (die reichlich überschwenglich schon mit Stonehenge verglichen wurde) auf dem heute dicht bewaldeten Hügel beruht bisher in erster Linie auf der Feststellung, daß zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende die Sonne von ihm aus gesehen genau hinter dem 80 km entfernten Brocken untergeht. Auch gibt es in der Gegend manch astronomisch klingenden Flurnamen, und als Festung war die Anlage (die übrigens fast 1000 Jahre lang genutzt wurde, von 1600 bis 700 v. Chr.) nicht geeignet.

Daß hier allerdings einmal aufwändige Visiereinrichtungen aus Holz gestanden haben, ist bisher reine Spekulation, doch noch ist erst ein Bruchteil ausgegraben. Noch bis November wird weiter gearbeitet, dann ist Pause bis zum Frühjahr. Im März soll auch schon ein erstes Büchlein mit allen bisherigen Erkenntnissen (und wenig Spekulationen) erscheinen, um den Rest der Welt über Scheibe und Wallanlage aufzuklären. Und vor allem, um Archäologen aus aller Welt zu einer großen Scheiben-Konferenz im Jahre 2004 nach Halle zu locken. [5.10.2002]

[535] Quellen: diverse Nachrichtensendungen des mdr vom 25.9. und ein Interview mit dem Archäoastronomen W. Schlosser, Uni Bochum, am 4.10. Links: die offizielle Homepage der Scheibe mit neuen Einzelheiten und Artikel von DPA, AP, Mitteldeutscher Zeitung (mit Links zu vielen weiteren Artikeln) und NGZ (über andauernde Rechtsstreitigkeiten).


Die letzten zwei Leonidenstürme

für viele Jahrzehnte stehen im November bevor, und abermals unterscheiden sich die Prognosen verschiedener Theoretiker, wenn auch nicht so kraß wie zeitweise letztes Jahr (siehe
Artikel 316). Diesmal sind sich alle einig, daß es zweimal, gegen 4 und 10 Uhr UTC am Morgen des 19. November, zu kräftigen Ausbrüchen der Leoniden kommen wird - unklar sind lediglich die genauen Zeitpunkte und die Stärke der Meteorstürme, die durchaus an den »asiatischen Peak« von 2001 (siehe Artikel 448) heranreichen könnten.

  • Der Finne Esko Lyytinen, der die Leonidenstürme der letzten Jahre immer am genauesten traf, sagt für 4:03 Uhr UTC eine maximale ZHR (Zenitstundenrate) von 3500 und für 10:40 UTC eine max. ZHR von 2600 voraus, wenn die Erde die Dusttrails von 1767 bzw. 1866 trifft. Seine Modellrechnungen berücksichtigen subtile Effekte, die auf die Staubteilchen einwirken, basieren aber auch einem höchst kuriosen Kometenmodell - trotzdem klappt's.

  • Der Altmeister der Leoniden-Prognosen David Asher erwartet um 3:53 UTC eine ZHR von möglicherweise nur etwa 1000, beim 2. Peak um 10:29 UTC dann 4000; sein Kollege Robert McNaught verfeinert die gemeinsamen Rechnungen derzeit noch und kann sich - wie man hört - beim ersten Peak auch höhere Werte und beim zweiten Peak eine max. ZHR von bis zu 9000 vorstellen.

  • Neu auf der Bühne der Prognostiker ist Jérémie Vaubaillon, der sich eines französischen Supercomputers bemächtigen konnte, um die Bahnen hunderttausender individueller Staubteilchen im Raum zu verfolgen. Er bestätigt im Wesentlichen die o.g. Lyytinen-Zahlen und erwartet um 4:04 UTC einen Peak mit einer max. ZHR von 3600 und um 10:47 UTC einen mit 3200.
Wegen des starken Mondlichts (Vollmond ist nur eine Nacht später!) wird man wohl an kaum einem Standort die genannten Meteorzahlen auch wirklich sehen können, selbst wenn die Ausbrüche wirklich so eintreten. Alle Prognostiker erwarten für den ersten Sturm des älteren Dust Trails im Mittel deutlich hellere Meteore, die sich besser am hellen Himmel durchsetzen können: Das spricht für Beobachtungen im Westen Europas, wo der Radiant am Morgen hoch und der Mond eher tief steht. [5.10.2002]

[534] Quellen: Vorträge von T. v. Flandern auf der AAS-Tagung am 6.6. in Albuquerque über Lyytinens Rechnungen und von Asher und Vaubaillon auf der International Meteor Conference in Frombork, Polen, am 27.9. u.a. Links: mehr oder weniger aktuelle Prognose-Seiten und -Paper von Lyytinen, Asher, McNaught, Vaubaillon und Jenniskens sowie ein kurzer S&T-Artikel und weitere Prognosen von QSL. Literatur-Tipp: Rao, Leonids 2002: The Grand Finale, Sky & Telescope 104 [Nov. 2002] 95-100.


Die beste Sternbedeckung durch einen Asteroiden für Europa

in Jahrzehnten konnte am 17. September von zahlreichen Beobachtern verfolgt werden: Der Asteroid (345) Tercidina war quer über den Stern SAO 93785 hinweggezogen, und jeder Standort konnte sozusagen einen anderen Schnitt durch den Himmelkörper legen, dessen Gestalt nun viel genauer bekannt ist. Nur selten stimmen Geometrie und Wetter so perfekt: Die meisten Bemühungen, solche Sternbedeckungen zu beobachten, enden ergebnislos ... [5.10.2002]

[533] Quelle: Rundschreiben von O. Farago vom 29.9. Links: die Daten & die erste Auswertung des Events sowie die Homepages von IOTA-ES und Farago.


Marsprogramme weltweit im Umbruch

Auch der revidierte Plan für die internationalen Marsmissionen nach den US-Pleiten von 1999, der einen stabileren Eindruck gemacht hatte (siehe Artikel
144 und 164), ist nicht zu halten: Das zeichnet sich immer deutlicher ab, nachdem sich zum einen die Entwicklung der nächsten US-Marsrover (siehe Artikel 102) als immer schwieriger erweist und zum anderen die Beiträge der vorgesehenen Hauptpartner der USA, von Frankreich und Italien, immer fraglicher werden.

Mehrmals sah es bereits so aus, als würden die Mars Exploration Rover gar nicht fliegen: Die scheinbar so simple Landung im Airbag-Stil des Mars Pathfinder ist bei Landegeräten dieser Größe komplexer als ein sanftes Einschweben wie einst bei den Vikings, Airbags wie Fallschirme versagten bei Tests, und zusätzliche Maßnahmen gegen seitliches Abdriften - mit zusätzlichen Düsen - wurden bereits erwogen. Jetzt sollen die meisten Probleme im Griff sein, und noch sind zwei Rover-Starts Mitte 2003 geplant, wobei die Kosten sind inzwischen um rund 100 Mio.$ gestiegen sind.

Die Missionen danach aber stehen - bis auf den Orbiter von 2005 - zur Disposition, weil die erhofften substantiellen Beiträge Frankreichs und Italiens, die eigene Orbiter und manches Experiment beistellen sollten, womöglich gar nicht kommen werden, aus finanziellen Gründen. Bis Jahresende soll es nun einen neuen Mars-Plan für die NASA geben, der immerhin dem Vernehmen nach eine beschleunigte - und zugleich stark vereinfachte - Sample Return Mission für 2013 enthalten wird. Und insgesamt flexibler auf etwaige Entdeckungen der vorangegangenen Missionen reagieren kann. [5.10.2002]

[532] Links: Space Daily vom 16., 21. und 30. September. Zusätzliche Quellen: Science vom 20.9. S. 1972-3 + Space News vom 30.9. S. 8.

Auch Beagle 2 ist in Schwierigkeiten und verpaßt womöglich seine (wohl einzige) Mitfluggelegenheit auf dem Mars Express: Artikel von New Scientist, BBC und Space Today.

Sedimente an den Marspolen zeichnen die Klimageschichte auf und spiegeln offenbar ziemlich exakt die Variationen der Sonneneinstrahlung wieder, die durch langfristige Bahn- und Achsschwankungen verursacht werden: ein Brown Univ. Press Release und Artikel von BBC und Space Today.

Die Mars-Opposition 2003 ist die beste seit fast 60'000 Jahren, was den Minimalabstand des Planeten von der Erde betrifft, haben J. Beish & al. ausgerechnet.


Trotz Finanz- und Sinnkrise: Der Bau der ISS tritt in eine neue Phase

Nach der überraschenden Verschiebung des Atlantis-Starts wegen des Hurrikans Lili vor der texanischen Küste, der die Flugkontrolle in Houston bedrohte, soll die Mission STS-112 nun am 7. Oktober beginnen - und damit eine Serie von Einsätzen, bei denen die Raumstation bis Ende 2003 dramatisch wachsen soll. Und das ganz unabhängig von all den ungelösten Problemen am Boden, denn die Hardware, um die es jetzt geht, ist längst fertig, und die Shuttle-Flüge sind alle bezahlt, da sie nicht aus dem ISS-Etat sondern dem allgemeinen Budgetposten für den Raumtransport beglichen werden.

An Bord der Atlantis ist der S1 Truss, ein weiteres Riesenteil des zentralen Gerüsts der Raumstation, das 390 Mio.$ gekostet hat und so komplex ist, daß es auch als eigener Satellit durchgehen könnte. S1 enthält zehntausende Einzelteile, viele Kilometer Kabel, Rohrsysteme für die Kühlung, Antennen und Computer. Das Gegenstück P1 soll einen Monat später mit der Endeavour folgen, was den Weg für die Montage von drei weiteren riesigen Solarzellenanlagen im nächsten Jahr eröffnet. Und die bereits montierten Solarzellen (»P6«; siehe Artikel 163) werden an eine andere Stelle am Ende des Gerüsts verpflanzt, ein Manöver, das es noch nie gab.

Unterdessen geht es auf der politischen Bühne der Erde weiter heiß her: Studie auf Studie bescheinigt der ISS, von fragwürdigem wissenschaftlichem Wert zu sein, und das erst recht in der bis auf weiteres geplanten deutlich reduzierten Ausführung. Immerhin wird den westlichen Partnern garantiert, daß ihre Module schon noch angeschraubt werden dürfen - und weil sich das japanische (JEM) aus Geldnot verspäten wird, rückt das europäische (Columbus) sogar etwas vor. Und die NASA sucht immerhin nach Wegen, doch mehr als 3 Besatzungsmitglieder gleichzeitig an Bord beherbergen zu können. Aber nicht bevor der Sinn des ganzen klarer definiert ist ... [5.10.2002]

[531] Quelle: AW&ST vom 16.9. S. 60-2 u.v.a. Links: Spaceflight Now über die Mission der Atlantis, What's New über die Zweifel am Sinn der ISS, Space Daily über die wenige Wissenschaft, die überhaupt möglich wäre, die ZEIT und AFP über die aktuelle Krise und UPI über die Zukunft der ISS und russische Probleme, alle zugesagten Progresse und Soyuzze zu liefern.


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